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Friedrich – der Schulmeister (Nr. 42) PDF Drucken
Volksbildung beim Alten Fritz und seinem Vater, dem Soldatenkönig
Begründet würde das preußische Schulwesen durch den Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I. Er erließ im Jahr 1717 ein Edikt, mit dem in
allen preußischen Landen die Schulpflicht eingeführt wurde. Das war für die damalige Zeit eine bedeutende Reform. Die jungen Landeskinder lernten lesen, schreiben und rechnen und wurden auch sonst in Verhaltensregeln eingewiesen, die sie in das gesellschaftliche, nämlich preußische Umfeld integrierten. Gab es Lehrpläne, Erziehungsziele, Zeugnisse, Prüfungsregeln? lehrer-lempel-web
Wer fragt, wie Kinder in Preußen erzogen und ausgebildet wurden, sollte sich vorab mit den so genannten preußischen Tugenden befassen, ihrem Inhalt, ihrer Wirkungsweise, ihrer historischen Entwicklung. Sie bildeten das Fundament, auf dem das Schulwesen aufbaute und auf das die Wissensvermittlung gründete.
Als solche Tugenden werden in der Regel aufgezählt: Gehorsamkeit, Disziplin, Pflichtgefühl, Tapferkeit, Unbestechlichkeit, Pünktlichkeit, auch Verantwortungsgefühl, Genügsamkeit oder Bescheidenheit. Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D. – mitunter als preußischer Hanseat bezeichnet – verwahrt sich in einem sehr bedenkenswerten Aufsatz gegen solche Titulierung und unberechtigte Vereinnahmung. Er stellt richtig – deswegen „so genannte“ preußische Tugenden – es handele sich keineswegs um preußische, hanseatische oder deutsche Erfindungen, sondern es seien vielmehr schlechthin universale Tugenden, die von manchen Vertretern des Preußentums zu Unrecht für Preußen reklamiert würden („Preußen 1701/2001“, ECO Verlag, Köln, 2001, Seite 256 f.).
Übrigens darf man fragen, warum beispielsweise Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Achtung des Anderen, Wissbegier oder Kreativität nicht zu den preußischen Tugenden gezählt werden?
Wären all diese Tugenden – und weitere nicht genannte – seinerzeit in einem sinnvollen Gleichklang vermittelt worden, man könnte nichts gegen solche Erziehung und Bildung einwenden.
Friedrich II., der die vom Vater begonnene Reform des preußischen Schulwesens zielstrebig fortführte, baute jedoch die bereits verordnete Einseitigkeit mit fast eigensinniger Strenge weiter aus. Gehorsam und Pflichtgefühl wurden massiv überbetont; den jungen Preußen wurden Untertanengeist und Obrigkeitsglaube konsequent eingetrichtert. Allzu oft wurde als Regel der Satz verkündet: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, denn es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott ist“, (Römerbrief, Kapitel 13).
In manchen Nachbarländern galt der Begriff „preußisch“ als Synonym für eben diesen Untertanengeist, für Kadavergehorsam und für Obrigkeitsgläubigkeit. Carl Zuckmayer übergießt diese Geisteshaltung im „Hauptmann von Köpenick“, den Heinz Rühmann unvergessen verkörpert, mit ätzendem Spott.
Friedrich ließ an den preußischen Universitäten durchaus Lehrer ausbilden. Den notwendigen Bedarf angesichts der angeordneten allgemeinen Schulpflicht konnte er dadurch aber nicht annähernd decken. Als Behelf griff der König daher zunächst auf pensionierte Offiziere zurück, danach wurden ausgeschiedene Unteroffiziere an die Schulen kommandiert. Das schloss zwar manche Lücke, wirkte aber genau in die skizzierte Richtung: die jungen Untertanen wurden in Militärgläubigkeit und Militärverherrlichung gedrillt.
Während Friedrich II. die von seinem Vater eingeleitete an sich reformerische Entwicklung flächendeckend forcierte, wuchs Preußen unter den Nachfolgern immer mehr zur Großmacht heran. Berlin wurde als Hauptstadt Sitz des deutschen Kaisers. Die Pickelhaube wurde zum negativen Symbol. Das strahlte ganz gehörig auf das Schul- und Bildungswesen in allen deutschen Ländern aus, die viele Leitgedanken der preußischen Erziehung übernahmen, nicht zuletzt preußische Tugenden, die in ihrer einseitigen Ausprägung in Wirklichkeit zu Untugenden degenerierten.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde Preußen durch Alliierten Kontrollratsbefehl aufgelöst, also einmütig von allen vier Besatzungsmächten. Begründung war sinngemäß, dass preußischer Ungeist zum deutschen, faschistischen Militarismus und dieser zum verheerenden Völkermord geführt habe. Der Beschluss mit Gesetzeskraft stand zunächst nur auf dem Papier. Er musste nun in die Köpfe und Herzen transportiert werden.
Wir Wandlitzer, Leser des Heidekraut Journals, die ja auf den Schultern von acht oder neun Generationen Vorfahren stehen, leben mitten im ehemaligen preußischen Kernland Brandenburg. Kann dieser Abschnitt der preußischen Geschichte uns unberührt lassen? Sollen, müssen wir darüber nachdenken, ob unsere Schul- und Berufsausbildung oder die familiäre Erziehung die jungen Leute ausreichend wappnet gegen einseitige und unselige Überreste „so genannter“ preußischer Tugenden, die noch herumgeistern? Ist alle Obrigkeitsgläubigkeit bereits ausgemerzt? Jeder mag darüber selbst befinden.
Herbert Willner
Letzte Aktualisierung ( Samstag, 2. Juni 2012 )
 
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