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Ein Dichterort ganz nah (Nr. 47) PDF Drucken
Die Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz
Nur 15 Kilometer von Wandlitz entfernt finden literarisch Interessierte die Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz bei Oranienburg. Das Wohnhaus des Schriftstellers Friedrich Wolf und seiner Frau Else ist Museum und gleichzeitig lebendiger Ort für Lesungen, Gespräche, Diskussionen, Schulprojekte, Ausstellungen,wohnhaus_fw-web Gartenfeste und vielfältigen Begegnungen. Besucher erlebten Günther Gaus, Egon Bahr mit Hans Modrow, Hermann Kant, Fritz-Rudolf Fries, Otto Bräutigam, Klaus Schütz, Volker Braun, Ursula Karusseit mit Markus Wolf, Hilmar Thate und Angelika Domröse, Edzard Reuter, Otto Mellies, Carmen-Maja Antoni und viele andere Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Gedenkstätte steht unter der Obhut der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, die in diesem Jahr ihr vielfältiges Programm dem 125. Geburtstag des Schriftstellers am 23. Dezember widmet.
Friedrich Wolf bleibt interessant mit seiner ungewöhnlichen Biografie, in der sich die Aufbrüche, Verwerfungen und Niederlagen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegeln, Autor und Arzt, Jude und Kommunist, Diplomat und Kulturpolitiker – ein Mann von ungewöhnlichem Charisma und von einem vielseitigen geistigen Vermächtnis.
Frühe expressionistische Stücke wurden bereits mit Erfolg aufgeführt, doch vor allem Dramen, die den gesellschaftlichen Nerv der 20iger und 30iger Jahre trafen, machten Wolf zu einem Begründer des politischen Theaters in Deutschland. Das Stück „Cyankali" um die Tragödie einer Familie durch den Abtreibungsparagrafen 218 füllte die großen Bühnen des Landes. Als Arzt kannte Friedrich Wolf das Elend der Proletarier in den Städten und auf dem Lande genau. Sein umfassendes Kompendium „Die Natur als Arzt und Helfer" war ein modernes aufklärerisches Werk über einfache und gesunde Lebensweise, alternative Heilmethoden und Prophylaxe, über die Rolle von vernünftiger Ernährung und Bewegung für die Gesundheit. Das dicke Buch stand in vielen Haushalten und wurde ein großer Erfolg. Lange Zeit Vergessenes liest sich heute wieder ganz aktuell.
Wolfs weltbekanntes Drama „Professor Mamlock", 1933 bereits im Exil geschrieben, zeigte hellsichtig, wie faschistische Ideologie von den Menschen Besitz ergreift und über Unterschätzung, Anpassung, Opportunismus und Fanatismus ihren unheilvollen Siegeszug beginnt. Solange auch 80 Jahre nach der Machtübernahme durch den Faschismus Nazis in Deutschland nachwachsen, ist das später von seinem Sohn Konrad Wolf verfilmte Drama immer wieder neu zu befragen.
Friedrich Wolf wird heute zuerst mit „Die Weihnachtsgans Auguste" in Verbindung gebracht, eine seiner beliebten, anrührenden Tiergeschichten, die Wolf vor allem in Lehnitz für große und kleine Kinder verfasste. Jedes Jahr ist „Gustje" auf Bühnen, im Fernsehen, als Buch, CD oder DVD präsent und Namensgeberin des „Weihnachtsgans-Auguste-Marktes" in Oranienburg. Titelheld „Bummi" machte tatsächlich als wilder und zärtlicher Terrier Lehnitz unsicher. „Pit Pikus und die Möwe Leila" erzählen Kindern von großer Liebe und Toleranz.
Im Jubiläumsjahr soll an Friedrich Wolf vor allem als einen modernen Autoren erinnert werden, der sich mit allen zur Verfügung stehenden Medien in die Kunst und in die Auseinandersetzungen seiner Zeit einbrachte. Er setzte sich sehr früh für die Rechte der Frauen ein und lebte soziales Engagement als Arzt und Schriftsteller. Von ihm ist das erste erhaltene deutsche Hörspiel „Krassin rettet Italia" über die Rettung der Nobile-Expedition zum Nordpol durch einen russischen Eisbrecher. Früh schrieb Wolf für den Film, nach dem Ende des Krieges wurden nach seinen Texten die Filme „Der Rat der Götter und „Bürgermeister Anna" gedreht, nach seinem Tod „Lucie und der Angler von Paris" und „Das Haus am Fluss". Voller Ungeduld wartet „Pap", dass sein Sohn Konrad das Regiestudium in Moskau beendet, um mit ihm wichtige Filmprojekte zu realisieren.
Das umtriebige Leben des Schriftstellers ist bei einem Rundgang durch das Haus im Alten Kiefernweg 5 nacherlebbar. Es ist fast im Originalzustand erhalten und macht den Eindruck, als wären die Bewohner zu einem Spaziergang unterwegs. Als Wolf zu seinem 60. Geburtstag aus seiner winzigen Berliner Wohnung in das Siedlungshaus umziehen konnte, wurde die Inneneinrichtung von der bekannten holländischen Innenarchitektin Ida Liefrink-Falkenberg in der von Wolf bevorzugten Bauhaustradition eingerichtet. Aus der Arbeit im Haus entstand eine lange Freundschaft mit Else Wolf. Heute erzählen Familienbilder und Andenken aus dem russischen Exil genauso wie die Schreibmaschine, das Arzneischränkchen mit homöopathischen Mitteln oder die Bücher der Bibliothek. Am runden
thate_mit_publikum-webEsstisch der Familie versammelten sich Freunde, Künstler, Politiker, Schüler und natürlich die zahlreichen Mitglieder der Großfamilie Wolf.
Nach dem Tode Friedrich Wolfs am 5. Oktober 1953 baute Else Wolf mit der Akademie der Künste das Archiv des Schriftstellers auf, und in ihre
m Vermächtnis wurde das Haus dem Volk der DDR geschenkt in der Verantwortung der Akademie der Künste. Die Söhne Markus und Konrad Wolf bekräftigten nach dem Tod der Mutter dieses Vermächtnis, das später dem neuen Rechtssystem nicht standhalten konnte. Nach einer langen Zeit der Unsicherheit konnte die Friedrich-Wolf-Gesellschaft als Eigentümerin der Gedenkstätte eingetragen werden. Es ist eine Lust, diesen geschichtsträchtigen Ort mit Leben zu füllen. Es ist auch eine finanzielle Last der Werterhaltung eines denkmalgeschützten Hauses und der Unterhaltung eines kulturell umtriebigen Eigenlebens, das weit ins Land hinaus strahlen soll.
Kernstück der Arbeit der Friedrich-Wolf-Gesellschaft bleiben die Veranstaltungen im Wohnzimmer der Familie Wolf, zu der auch dieses Jahr wieder interessante Gäste zu Lesungen oder den „Lehnitzer Literaturgesprächen" eingeladen sind. Eine Stunde vor Beginn können sich die Besucher mit kundiger Führung im Haus und im Ausstellungsraum umschauen, bei Kaffee und Wein ins Gespräch kommen. Wandlitzer und ihre Freunde sind herzlich willkommen. Treten Sie ein und seien Sie unser Gast.
Tatjana Trögel, Leiterin der Gedenkstätte

Lesen Sie dazu bitte auch die Eintragungen im Veranstaltungskalender auf dieser Website.

Friedrich-Wolf-Gedenkstätte:
Alter Kiefernweg 5, 16515 Oranienburg / Lehnitz
Tel.: 03301/52 44 80 (Fr 10:00 - 12:00)
web: www.friedrichwolf.de
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Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 4. April 2013 )
 
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