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Vom König der Häuptlinge (Nr. 58) PDF Drucken
Kein Märchen
Wir berichten von der Realität in einem Land, dem sich manche von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser seit längerem mit Ihren Hilfsleistungen verbunden fühlen – NAMIBIA.
namibia1Die Bevölkerung besteht aus 16 Stämmen mit unterschiedlichen Sprachen, Ritualen, Sitten und Gebräuchen (Brautwerbung, Mitgift, Beerdigungen, Ahnenkult u.a.), und in jedem Stamm ist der Häuptling traditionsgemäß die höchste Autorität. So auch Immanuel Kauluma Elifas, den wir auf einer Industrieausstellung im Norden des Landes kennenlernten.
Wir fragten ihn, wie sich das Verhältnis zwischen dem Modernen einer Gesellschaft und den alten Traditionen entwickele. Liebenswürdig lud er uns auf seine Residenz ein. Er ist Stammeshäuptling, König und zugleich Vorsitzender des „Rates der Häuptlinge.“
Der Rat war nach der Unabhängigkeit entstanden, um die Häuptlinge für den Aufbau der Gesellschaft zu gewinnen, in dem ihre Erfahrungen von der Regierung, zum Beispiel bei Gesetzentwürfen, bevor sie das Parlament passieren, berücksichtigt werden.
In einer einsamen Gegend, 780 Kilometer nördlich von Windhoek entfernt, besuchten wir die „Residenz“ des Königs Immanuel Kauluma Elifas.
Durch ein massives Tor aus Holz, vor dem afrikanische Männer in ihrer Stammestracht gemeinsam mit sehr großen Hunden Wache hielten, passierten wir das Anwesen, wurden von Hunden durch sieben leere Hütten begleitet, in denen sonst Stammesfeste gefeiert werden und erreichten schließlich eine große runde Hütte, in deren Mitte der Häuptling saß, umgeben von mehreren Mitarbeitern (Unterhäuptlingen). Er hatte ein Jeanshemd und eine dunkle Hose an. Sein Thron bestand aus kunstvollen Holzschnitzereien, und die Hütte war mit bunten afrikanischen Tüchern ausgekleidet.
Man erwartete von uns, das Knie zu beugen, so ist es Sitte; denn dieser Häuptling kann das als König erwarten. Zu seinem Stamm gehören 300.000 Mitglieder, die allerdings heutzutage nicht mehr alle an seinem Standort wohnen sondern in Dörfern und Städten arbeiten und leben, die aber jedes Jahr einmal mindestens zu ihrem Häuptling kommen, um seinen „Segen“ zu empfangen. Dazu gehören auch Regierungsmitglieder. Welche Bedeutung haben die Häuptlinge im Leben der namibischen Gesellschaft und wie sind Sie Häuptling geworden? „Ich wurde demokratisch gewählt und Voraussetzung war, dass ich ein Königssohn bin, entsprechend unserer traditionellen Rituale lebe, unsere Sprache und englisch als Amtssprache beherrsche und dass ich die Regeln des Zusammenlebens im Stamm erhalte. Als König muss ich für den inneren Zusammenhalt der Stämme sorgen, vor allem dafür, dass soziale Konflikte zu Versöhnungen führen, auch dafür gibt es uralte Rituale, die sehr dienlich sind. Sie durchzusetzen, ist manchmal schwierig, wenn die Fronten verhärtet sind. Alte Traditionen zu pflegen, wie den Schutz der Waisen und Witwen sind heutzutage besonders wichtig; denn namibiagegenwärtig ist die Zahl der Aids-Hinterbliebenen hoch“.
„Sie sprachen von Versöhnungsritualen, wie kann man sich das vorstellen?“
„Nehmen wir ein ganz krasses Beispiel: Ein Stammesmitglied begeht einen Mord, was glücklicherweise selten geschieht. Dann wird der Mörder vom staatlichen Gericht Namibias entsprechend unserer Gesetze bestraft. Im Stamm vermittele ich dann zwischen den Familien, das heißt, die Familie des Mörders wird überzeugt, die Tat bei der betroffenen Familie wieder gut machen zu müssen. Da führe ich Gespräche, biete Kompromisse an und meistens erreiche ich, dass eine Art der Wiedergutmachung erfolgt, indem die Familie an die andere eine bestimmte Anzahl Rinder übergibt. Das ist zum Beispiel eine alte Tradition.
Um eine moderne Gesellschaft aufzubauen, gibt es natürlich auch Traditionen, die dem entgegenstehen. Diese Einsicht bei allen Häuptlingen zu erreichen ist nicht leicht. Das betrifft in besonderer Weise die Position der Frauen. Nach alter Sitte hat das Weib dem Manne Untertan zu sein. In unserer staatlichen Verfassung ist zwar die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben, aber in der Lebenswirklichkeit des Alltags gibt es dabei große Schwierigkeiten. Im Rat habe ich darüber wochenlange Diskussionen geführt. Die namibischen Männer wollen in ihren Stämmen das Sagen behalten. Und gegenüber ihren Freundinnen und Frauen nahmen sie sich früher das Recht, sie als ihr Eigentum zu behandeln. Sie konnten misshandelt und verstoßen werden, wenn sie dem Ehemann nicht gehorchen wollten. Unsere namibischen Frauen wollen das natürlich nicht mehr akzeptieren, und wir haben an vielen Beispielen erlebt, wie die Frauen sowohl in der Befreiungsbewegung als auch beim Aufbau unseres unabhängigen Staates Hervorragendes vollbracht haben und heute noch leisten. Aber es musste ein besonderes Gesetz zum Schutz der Frauen erlassen werden, es beinhaltet, Tätlichkeiten gegen Frauen, vor allem gegen Ehefrauen unter Strafe zu stellen. Das durchzusetzen ist heute noch schwer.“
„Wie handhaben Sie selbst dies in ihrer Ehe?“ Er lachte amüsiert und sagte augenzwinkernd zu mir: „Natürlich muss ich Vorbild sein. Aber ich finde, ohne das besondere Geschick unserer Frauen, zum Beispiel, wenn es notwendig ist zwischen Konfliktparteien zu vermitteln, wenn es um so etwas wie Vergebung und Versöhnung geht, wäre das Leben in den Stämmen manchmal sehr schwierig. Da höre ich immer auf meine Frau, die im Übrigen meine große Liebe ist.“ Sie haben acht gemeinsame Kinder.
Auf der 17. Tagung des Rates der Häuptlinge im September 2014 hielt der König eine eindringliche Rede zum Thema, weil sich das Verhalten der Männer gegenüber ihren Frauen bis jetzt noch zu wenig verändert hat. Kein Mann sei berechtigt, seine Frau als Besitz anzusehen. Er appellierte an die Häuptlinge, energischer einzuschreiten, wenn gegen Frauen Gewalt angewendet wird. Dies seien im Übrigen strafrechtliche Vergehen. Leider müsse man feststellen, dass Alkoholmissbrauch und Drogen ein bösartiges Verhalten vieler Männer prägen.
Sowohl der Staatspräsident Pohamba als auch die Häuptlingsfrau Angelina Mutabe, die ihrem Stamm mit 5.000 Mitgliedern vorsteht, forderten dazu auf, den langen Weg, der mit der Überwindung bestimmter früherer Traditionen verbunden ist, konsequenter zu gehen. „Wir werden ihn bewältigen, denn bis jetzt ist es historisch gesehen ja eine kurze Zeit von der Unabhängigkeit bis heute, das sind erst 24 Jahre, die gegen jahrhundertelange Gewohnheiten stehen.“
Dr. Heide Babing
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 6. Februar 2015 )
 
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