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Rotlackierte Fingernägel (Nr. 58) PDF Drucken
Zu einem Leserbrief an unsere Zeitschrift
Das Erscheinungsbild unserer Zeitschrift hat sich in den vergangenen Jahren ein paar Mal verändert. Seit 2008 gibt es auf der ersten Seite einen Beitrag, den man mit „Unsere Meinung“ überschreiben könnte. Ein Name stand niemals darunter. Das hat auch meist keinen gestört. Das fällt immer nur dann auf, wenn ein Leser mit irgendeiner Äußerung nicht einverstanden ist. Doch dann wird die große Keule geschwungen und regelmäßig unterstellt, wir „wüssten schon, warum kein Autor angegeben wurde“. Der Chefredakteur muss herhalten, und der tut das auch. Ich entziehe mich nicht der Verantwortung für alles Geschriebene in unserem Heft.
Zur Ausgabe Nr. 57 gab es wieder einen solch „kämpferischen“ Leserbrief, von Jens-Peter Heuer aus Schönwalde (siehe Seite 16). Es scheint lohnenswert, sich damit einmal näher auseinander zu setzen. Zum ersten ist der Begriff „rotlackiert“, wie vom Verfasser postuliert, überhaupt nicht historisch belegt. Was haben rotlackierte Fingernägel, Fahrräder oder sonst etwas mit Historie zu tun? Der Begriff „rotlackierter V-Mann“ ist eine Wortschöpfung aus unserer Redaktion. Sie gab es bislang nicht. Vor wenigen Jahren bezeichnete uns der frühere Bürgermeister (SPD) schon mal als rotlackiertes Blatt. Na und?
Zweitens hat niemand Herrn Ramelow als rotlackierten V-Mann beschimpft. Wir wurden lediglich „das Gefühl nicht los“, dass er sich so aufführt. Wir würden uns wünschen, dass wir uns darin irrten.
Drittens weiß ich nicht, dass die „rotlackierten Faschisten“ der Kampfbegriff der Komintern und der KPD waren. Ich weiß es nicht, weil das nicht stimmt. Der hier von Herrn Heuer ins Spiel gebrachte Begriff geht auf den SPD-Funktionär Kurt Schumacher zurück. Er sagte 1930 in einer Rede, dass die Kommunisten in Wirklichkeit nur „rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten“ seien. Die deutschen Faschisten scherten sich um solche Äußerungen nicht: Sie verschleppten Sozialdemokraten wie Kommunisten in die Konzentrationslager, folterten und ermordeten sie. Für viele von ihnen, die durch diese Hölle gegangen waren, gab es nach der Befreiung vor 70 Jahren nur eine Schlussfolgerung: Nie wieder sollte die Arbeiterklasse getrennt werden, Einigkeit hieß die Losung der Stunde. So entstand die SED, im Osten Deutschlands. Im Westen wiederholte Kurt Schumacher seine These von den „rotlackierten Faschisten“, mit denen er stets die Kommunisten meinte. Er verhinderte damit die notwendige Einheit von Sozialdemokraten und Kommunisten.
Wenn Herr Ramelow, nunmehr Ministerpräsident von Thüringen, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR mit der faschistischen Gestapo gleichstellt, dann reiht er sich ein in die antikommunistische Position rechter SPD-Funktionäre. Da ändert auch sein Zurückrudern nichts mehr. An Größenwahn mangelt es diesem Politiker der Linkspartei auch nicht. In einem Interview gegenüber der Bild am Sonntag erklärte er am 7. Dezember 2014, seine Wahl besiegele das Ende der DDR.
Die DDR gibt es schon seit fast 25 Jahren nicht mehr. Doch wie tief müssen ihre Spuren im Gedächtnis der Menschen eingegraben sein, dass manch einer sich noch heute berufen fühlt, mit ihr abzurechnen? Er, der Gewerkschafter aus dem Westen, werde jetzt die Aufarbeitung der SED-Diktatur zur Chefsache machen. Herr Gauck lobte ihn ausdrücklich dafür, obwohl er vor der Wahl öffentlich zweifelte, dass die Linke bereits reif wäre für Regierungsarbeit.
Mit der Wahl von Herrn Ramelow als Ministerpräsidenten von Thüringen ist die Gefahr einer Spaltung der Linken weiter gewachsen.
Horst Schumann, Chefredakteur
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 5. Februar 2015 )
 
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