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Schönbohms Hinterlassenschaft (Nr. 7) PDF Drucken
Schönbohms Hinterlassenschaft
...eine Ödnis von 40 Hektar?
Erreicht man auf der Bundesstraße 109 Basdorf von Berlin aus, erstreckt sich hinterm Ortseingang rechter Hand ein 40 Hektar großes bebautes Gelände.
Das Objekt ist zurzeit noch ein wenig belebt, kann jedoch bald zu einer Ödlandschaft und damit zu einem Schandfleck für den Ort und die ganze Gemeinde Wandlitz werden. Eine negative Zäsur für die Enwicklung Basdorfs könnte bevorstehen, denn eben dieses Objekt war bis in die neunziger Jahre einer der Gründe für das kontinuierliche Wachsen der Gemeinde Basdorf. Viele Basdorfer waren oder sind noch auf die eine oder andere Weise mit der Anlage verbunden und haben mehr oder weniger persönliche Erinnerungen daran. Seit dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts, mit dem Bau der Heidekrautbahn, entwickelte sich Basdorf vom kleinen Bauerndorf zu einer typischen Berliner Vorstadtsiedlung. Die Wohngebiete Waldfrieden, Waldheim und Gänseluch entstanden. Für Krieg und Zwangsarbeiter Im Zuge der Kriegsvorbereitung wurde ab 1937 ein Rüstungsbetrieb für Flugzeugmotoren gebaut, die BRAMO (Brandenburgische Motorenwerke Basdorf/Zühlsdorf). In Basdorf kam es dadurch auch zum Bau des Wohngebiets Waldsiedlung und zur Erweiterung der jetzigen Karl-Marx-Siedlung. Und in diesem Zusammenhang begann auch die erste Etappe der Geschichte des „Objektes“ – des oben genannten Geländes. Auf dem Areal etablierte sich in den teilweise heute noch stehenden Fachwerk-Baracken der sogenannte Aufbauhof, anfangs Unterkunft für Bauarbeiter, während des Zweiten Weltkrieges aber vorrangig als Fremd- und Zwangsarbeiterlager genutzt. Viele Franzosen mussten in den BRAMO für die faschistische Luftwaffe schuften. Das wissen die alteingesessenen Basdorfer, weil sich unter den französischen Kriegsgefangenen auch der nachmals bekannte Chansonier Georges Brassens befand – die Basdorfer Brassens-Festspiele dürften inzwischen bekannt sein. Es waren unter den schuftenden Kriegsgefangenen auch viele Italiener, das konnte allein auf dem Friedhof ersehen werden. In den zweiten Etappe der Geschichte des Objektes, nach dem Krieg, wurden die Anlagen und Baracken in vielfältiger Weise genutzt und der Aufbauhof zu einer Art kommunalpolitischem Mittelpunkt von Basdorf. Gemeindeverwaltung, Grundschule, eine Zentralberufsschule, Kindergarten und ein Betriebsteil der Firma Melde-Korn waren hier untergebracht. Polizeistandort vor den Toren Berlins In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre (1954) beginnt die dritte Etappe des Objekts, es war die des Polizeistandorts Garnison Basdorf. Anfangs waren neben den teilweise noch verbliebenen Gemeindeeinrichtungen nur zahlenmäßig geringe Kräfte untergebracht. Ab 1956 allerdings wurde die 2. Bereitschaft der Bereitschaftspolizei des Ministeriums des Innern der DDR hier aufgebaut. Es handelte sich dabei um ein aus freiwilligen Berufspolizisten oder Berufssoldaten bestehendes mobiles Polizeiregiment mit drei Bataillonen, ausgerüstet mit Handfeuerwaffen, Panzerspähwagen und leichter Artillerie. Man denke daran: Es war die Zeit des sehr Kalten Krieges! Und die Grenze zwischen den beiden Militärblöcken verlief nun einmal nur gut zehn Kilometer von Basdorf entfernt... Bau auf, bau auf... Ab Ende der fünfziger Jahre wurde faktisch bis zum Untergang der DDR in der Garnison und im Garnisonsstandort viel gebaut. In der Garnison zehn große Unterkunfts-, Wirtschafts- und Stabsgebäude, Werkstätten, Garagen, Lager, Heizwerk. In Basdorf die Wohnsiedlung Heine-Ring, der Betriebskindergarten. Und ohne Garnison wären u.a. wohl auch Schule und Verkaufsstellen erst später errichtet worden, hätten Wasser- und Heizwerk manchmal ihren Betrieb unterbrechen müssen. Die Strukturen der in der Garnison Basdorf untergebrachten Kräfte änderten sich häufig. In den achtziger- Jahren waren es schließlich vier VP-Bereitschaften (Bataillone) auch aus Wehrpflichtigen, die „Wehrersatzdienst“ leisteten, insgesamt über 2.000 Mann, die dem VP-Präsidium Berlin unterstanden. Ab 1991 begann die vierte Etappe des „Objektes“, die, und mit ihm wohl das gesamte Objekt, nach dem Willen der Potsdamer Landesregierung 2006 enden wird. Der Plan, in den leerstehenden Unterkünften ein Asylbewerberheim einzurichten, scheiterte am Protest der Basdorfer, und so zogen schließlich das Landeskriminalamt und die Fachhochschule der Polizei Brandenburg, zeitweise auch Grund- und Gesamtschule, AWO und ASB, ein. Die Wohnblöcke in der Basdorfer Kleiststraße wurden vollendet. Licht aus im Herbst? Im Jahre 2000 wurde gegen den erklärten Willen der Gemeinde Basdorf und der Polizeigewerkschaft das Ende des Polizeistandortes Basdorf durch Innenminister Schönbohm eingeläutet. Aus allseits ungezweifelten finanziellen Gründen wurde das Landeskriminalamt nach Eberswalde und wird die Fachhochschule nach Oranienburg verlegt. Wenn im Herbst 2006 die Lichter endgültig ausgehen, können die Folgen für Basdorf und die neue Gemeinde Wandlitz noch nicht endgültig beurteilt werden. Wertfrei beurteilt ist es nun einmal so – ein Garnisons- oder Polizeistandort, das bedeutet Arbeitsplätze, auch im Einzugsgebiet, Arbeitsplätze bedeuten Kaufkraft und Steuerzahler. Garnison und Kommune, beide hatten und haben voneinander Nutzen. Nicht umsonst kämpfen Kommunen in allen Bundesländern um den Erhalt ihrer jeweiligen Standorte. Das ist die eine Seite der Medaille! Und die andere?! Was soll denn nun aus dem Areal werden, werte Herren Minister in Potsdam? 40 bebaute Hektar in Landeseigentum (und -verantwortung!) bei m.E. geringem Altlastenverdacht aber mit dem ehemaligen Kulturhaus als Baudenkmal! Die Gemeinde ohne nennenswerten Einfluss, die Landesregierung ohne erkennbare Nachnutzungs- und Verwertungskonzeption?! Der Verfall scheint vorprogrammiert, wenn keine Umnutzung als Wohnbebauungs- und/oder Mischgebiet erfolgt!
Manfred Häser, Gemeindevertreter, Ortsbeirat Basdorf 
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 13. August 2006 )
 
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