Startseite arrow Geschichten arrow Besuch im Kriegsgebiet (Nr. 72)
Besuch im Kriegsgebiet (Nr. 72) PDF Drucken
„Sie wissen, dass sie ins Kriegsgebiet fahren?“ fragt uns der russische Grenzer bei der Passkontrolle. Ja, wir wissen es, unser Verein „Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V.“ leistet dort seit 2015 humanitäre Hilfe. kinderaugen-kriegNur einen Kilometer weiter: Der Grenzposten krieg-mit-kinderaugender Donezker Volksrepublik begrüßt uns: „Nun seid ihr also bei den Terroristen und Separatisten angekommen...“ Wir verstehen den ironischen Unterton, schließlich wissen wir um die Informationsblockade der deutschen Massenmedien und um deren Jargon, wenn doch mal vom Donbass die Rede ist.
Unser Ziel: Gorlvoka, einst viertgrößte Stadt der Ukraine, heute eine der leidgeprüftesten Orte des Donbass. Unsere Freunde, Raisa und Viktor, haben uns in Rostov am Don abgeholt, fünf Stunden Autofahrt liegen vor uns, ehe wir die Bergarbeiterstadt erreichen. Hier gab es einst 18 große Schachtanlagen. Eine ist noch in Betrieb. Obwohl die Steinkohlevorräte noch 50 Jahre reichen würden, wurden viele Bergwerke ganz bewusst nicht instand gehalten, später geschlossen und der Grund und Boden an Konzerne wie ESSO und SHELL verhökert. Durch die Stillegung wollte man auch die starken Gewerkschaften des Donbass ausschalten.
Frühstück in Gorlovka... Brandlöcher in der Küchengardine. Wir erfahren, das Haus erhielt einen Volltreffer, die Löcher sind durch Granatsplitter entstanden. Dort, wo ich sitze, hatte ein großer Splitter die Sitzbank zerfetzt.
Jeden Tag schaue ich mit einem mulmigen Gefühl auf den Lederflicken.
Seit 2014 herrscht der unerklärte Krieg im Donbass. Die vom „Blutpastor“ Tur-tschinow (Pastor in der Baptistenkirche, Übergangspräsident nach dem Maidan, Parlamentsvorsitzender der Rada in Kiew und später durch Präsident Poroschenko zum Verantwortlichen für nationale Verteidigung ernannt) angeordnete Anti-Terror-Operation (ATO) im Donbass forderte Tausende Menschenleben.
Während unseres Aufenthaltes erleben wir täglich Leid, Tränen und Zerstörung. Tag und Nacht hören wir den Geschützdonner, Artillerie, Maschinengewehre, erleben die Zerstörung durch den Beschuss der ukrainischen Armee und der faschistischen Freiwilligenverbände. Von Donezk aus fahren wir nach Jasinovataja, nachdem dort mehrere Häuser beschossen wurden.
Es gab drei Tote. Von dem Haus einer 77jährigen Rentnerin am Rande der Siedlung ist nicht viel übrig geblieben. Kinder, Enkel und Nachbarn bergen die Habseligkeiten der alten Frau. Auf der anderen Seite des Hauses sehen wir die ukrainischen Panzer in nur einem Kilometer Entfernung. Sie schießen auf wehrlose Zivilisten. Das gleiche Bild in Sajzewo: wir können nur durch einen Teil der Siedlung fahren, unmittelbar hinter der Schule liegen ukrainische Scharfschützen in Stellung. Die Menschen in Saizewo bitten uns um Kerzen, Taschenlampen und Matratzen für die Keller, in denen sie oft am Tag und die Nächte verbringen.
Sponsoren aus Deutschland machen es möglich, dass wir vor Ort Hilfe leisten können. Wir verteilen Lebensmittelpakete, versorgen Kindergärten mit frischem Obst, Bonbons und Spielzeug, lassen die Sandkästen auffüllen, nachdem der Sand im Herbst zum Ausbessern der zerstörten Häuser benutzt wurde. Auch Staubsauger und Bügeleisen haben sich die Leiterinnen für ihre Kitas gewünscht. Der integrativen Berufsschule in Gorlovka besorgen wir einen Laserdrucker mit allem Zubehör, für die Diplomarbeiten der Auszubildenden wird er dringend benötigt. Außer dem übergeben wir der Nähwerkstatt Geld für Stoffe. Den jungen Boxern in Gorlovka können wir Trikots und Trainingsgeräte, sowie einen Warmwasserboiler übergeben.
kinderzeichnung-atoAuch die Kinder- und Mädchen-
donbass-kriegFußballmannschaft von „Chemie Gorlovka“ kann sich über eine neue Ausstattung freuen.
Eine Gruppe krebskranker Frauen aus Leipzig hat für die Kinder im Donbass gestrickt, auch diese Spende löst viel Freude aus. Ein Höhepunkt unseres Aufenthaltes im Donbass ist die Preisverleihung an die Teilnehmer des von uns gesponserten Malwettbewerbs „Kinder malen den Frieden“ und „Krieg mit Augen der Kinder“.
Wir erleben zwei wunderschöne Konzerte in Donezk und Dokuschajevsk. Letzteres liegt unter starkem Beschuss, während wir im dortigen Kulturhaus mit den Kindern feiern und singen. Kurz tauchen Fahrzeuge der OSZE vor dem Klubhaus auf, verschwinden aber, noch ehe die Veranstaltung beendet ist.
Hochachtung haben wir vor den Verantwortlichen des Kulturhauses in Gorlovka, die, obwohl das Gebäude teilweise stark zerstört ist, alles möglich machen, damit die Kinder dort auch weiterhin singen, tanzen, malen und basteln können.
Noch klafft ein großes Loch in der Decke des Konzertsaales, auch hier werden wir helfen. Wir haben im Donbass weder Terroristen, noch Separatisten gesehen, wir haben Menschen erlebt, die sich nichts Wichtigeres wünschen als Frieden. Gemeinsam mit den Kindern und Erziehern der Kindergärten in Gorlovka, haben wir das Lied „Immer lebe die Sonne!“ und kleine weiße Friedenstaube gesungen.
Mögen die Menschen im Donbass bald in Frieden leben!
Liane Kilinc, Vorsitzende des Vereins Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V.

Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, dann sind Aufklärung hier in Deutschland über diesen und einen drohenden Krieg und auch Geldspenden der richtige Weg.
Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V. IBAN: DE56 1009 0000 2582 7930 02, BIC: BEVODEBB Kennwort: „Kalinka“
Weitere Informationen finden Sie auf: www.fbko.org
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 31. Mai 2017 )
 
< zurück   weiter >
Valid XHTML & CSS - Design by ah-68 - Copyright © 2007 by Firma