Startseite arrow Gemeinde Wandlitz arrow Persnlichkeiten arrow Gesichter in Wandlitz - Ilona Nitzsche (Nr. 77)
Gesichter in Wandlitz - Ilona Nitzsche (Nr. 77) PDF Drucken
Verwaltungsangestellte im öffentlichen Dienst, Betreuerin behinderter Pflegekinder, Mitglied der offenen AG „Leben ohne Barrieren“
Die Familie Nitzsche ist auf den ersten Blick eine ganz normale Familie.
ilona-nitzscheErst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass bei ihnen vieles anders ist als in anderen Familien, denn Ilona und Rüdiger Nitzsche kümmern sich seit 12 Jahren um Pflegekinder. Aber eigentlich begann alles noch viel früher….
Mein Mann und ich hatten von Anfang an einen Grundgedanken. Wir wollten unbedingt neben unseren leiblichen Kindern auch ein Kind aufnehmen, das nicht die Möglichkeit haben würde, in der eigenen Familie aufzuwachsen. So stellten wir nach unserem ersten Kind einen Adoptionsantrag und bekamen die drei Tage alte Maria. Sehr schnell merkten wir als Eltern dann, dass mit unserem kleinen Sonnenschein etwas nicht stimmt.

Durch Maria sind Sie nach Wandlitz gekommen?

Als Autistin mit geistiger Behinderung konnte Maria keine normale Schule besuchen. So kam sie ab der 3. Klasse in die Robinsonschule nach Bernau, einer Schule mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt „geistige Entwicklung“, die es in dieser Qualität bei uns in Oranienburg, wo wir damals lebten, und ich immer noch arbeite, nicht gab. Da wir unser Kind in kein Internat geben wollten, haben wir versucht, in ihre Nähe zu kommen und wohnen seit Sommer 2013 in Wandlitz.

Der Umgang mit anderen Kindern, die mit einer Behinderung leben müssen, hat in Ihnen etwas bewirkt
Unser Kind hat zwar ein großes Handicap, aber es hat uns als Familie. Wir haben erfahren, dass das leider nicht bei allen Kindern so ist. Deshalb haben wir uns entschlossen, noch andere Kinder in die Familie aufzunehmen, die auch mit Beeinträchtigungen leben müssen, jedoch alleine sind und kein intaktes Familienleben haben. Mein Mann und ich haben uns deshalb erfolgreich an das Jugendamt gewandt. Hinzu kommt, dass ich auch als ausgebildete Erzieherin tätig war, also nicht ganz unerfahren bin auf pädagogischem Gebiet. Im Sommer werden es 12 Jahre, dass wir Pflegekinder betreuen, die uns vom Jugendamt anvertraut werden.

Wo betreuen Sie die Kinder?
Wir betreuen alle Kinder bei uns zu Hause. Wir leben mit ihnen zusammen, sie sind Teil unserer Familie. Damit können wir ihnen ein Umfeld geben, das sie so in Einrichtungen, auch wenn diese heute schon sehr gut sind, niemals haben würden. Und das ist doch für alle Kinder viel schöner, vor allem, wenn sie noch so klein sind.

Wie viele Pflegekinder haben Sie bereits aufgenommen?
Bis jetzt haben wir 13 Pflegekinder betreut. Wir hatten Kinder nur für wenige Tage, für mehrere Jahre und auch zur Dauerpflege, d.h. so lange, bis sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbstständig leben können. Zur Zeit leben zwei Dauerpflegekinder bei uns.

Sie haben Ihre eigenen Kinder, einen Beruf, arbeiten in der AG „LOB“ und kümmern sich um Pflegekinder. Wie schaffen Sie das?

Die Pflegekinder sind mein Ausgleich, meine Freizeit. Ohne sie würde mir was fehlen. Natürlich funktioniert das aber nur, wenn jemand da ist, der sich um all die aufwändigen behördlichen und organisatorischen Dinge kümmern kann. Das erledigt alles mein Mann, der seine Arbeit aufgegeben hat, damit eines der Pflegekinder auf Dauer bei uns bleiben konnte. An dieser Stelle müssen auch unbedingt die Unterstützung und Hilfe meiner leiblichen Kinder Andrea und Lars erwähnt werden.

Welche Akzeptanz erfahren Sie von Kollegen, Nachbarn, Freunden, den Menschen auf der Straße?

Wer einmal in die Augen der Kinder geschaut hat, die die Schwächsten der Schwächsten in unserer Gesellschaft sind, versteht uns. Manche Menschen verbinden Behinderung aber nur mit sichtbaren Merkmalen. Beispielsweise unsere Maria ist eine bildhübsche junge Frau, der man ihre 100%tige Behinderung nicht ansieht. Deswegen beschwerte sich ein Autofahrer beim hiesigen Ordnungsamt über den Behindertenfahrdienst, der jeden Morgen vor unserem Haus steht und ihn hin und wieder zum Warten nötigt. Andere werfen mir eine späte Mutterschaft vor, wenn sie mich mit einem Pflegekind auf dem Arm sehen. Wieder andere sehen nur das Pflegegeld, aber nicht den 24-Stunden-Pflegetag. Akzeptanz fehlt aber auch in den Gesetzen und Bestimmungen. Für seelisch/geistig erkrankte Menschen ist kein Platz im Behindertensport. Es gibt keine Ferienbetreuung, trotz Pflegestufe keine Möglichkeiten zur Kurzzeitpflege, also keine Auszeitmöglichkeiten für Pflegeeltern, Parkplätze nur für Rollstuhlfahrer und zappelnde geistig behinderte Kinder dagegen muss ich mir unter den Arm klemmen. Barrierefrei wird immer ganz groß geschrieben, aber zuallererst muss was gegen die Barrieren in den Köpfen getan werden.

Was würden Sie sich persönlich gerne wünschen?
Urlaub. Das zu realisieren ist sehr schwierig. Oftmals geht das nur so zu regeln, dass mein Mann und ich getrennt Urlaub machen. Dass wir alle zusammen wegfahren, ist nahezu unmöglich. Deshalb träumen wir gerne von einem Lottogewinn, von dem wir eine Freizeitanlage nur für behinderte Kinder und deren Pflegeeltern aufbauen würden, wo wir alle Urlaub machen könnten ohne schief angeguckt zu werden. Ich würde auch gerne mal mit meinem Mann ein Wochenende wegfahren, um Kraft zu tanken und auszuspannen. Das scheitert aber an der Kurzzeitpflege, die rein rechtlich auch meinen Kindern zusteht, denn sie haben alle eine Pflegestufe. Zu älteren Menschen kommt der Pflegedienst, zu meinen Kinder nicht, denn ein behindertes Kind, das durch die Gegend springt, nicht stillhalten und nicht zuhören kann, ist schwieriger in der Pflege als ein alter Mann, der ruhig in seinem Rollstuhl sitzt. Zu uns kommt keiner und das finde ich nicht richtig.

Was macht die AG „Leben ohne Barrieren“?
In dieser AG treffen sich Menschen aus Wandlitz, die eine Behinderung haben, sich für ihre Rechte einsetzen und Themen wie barrierefreie Arztpraxen und abgesenkte Bordsteine besprechen. Ich kam nun mit einer völlig neuen Thematik dazu und erzählte von jungen Menschen, die wegen ihrer Behinderung ausgegrenzt sind, weil sie nicht nach der Schule wie alle anderen Fußball spielen, sich mit Freunden treffen, Shoppen oder ins Kino gehen können. Fragen Sie mich nicht, wie lange es gedauert hat, bis wir es geschafft haben, dass unser Pflegesohn nun endlich im Wandlitzer Fußballverein mitspielen darf. Für Menschen mit Behinderung wird bei uns schon viel gemacht, jedoch kommen die seelisch und geistig behinderten Menschen immer noch zu kurz. Behinderte haben schon kaum eine Lobby, aber die haben gar keine und davon die Kinder am allerwenigsten. Die AG „LOB“ hat einmal alle Vorsitzenden der Sportvereine eingeladen, sich auch mit unseren Kindern zu beschäftigen, mit Kindern, die nicht für Wettkämpfe trainieren können, sondern einfach nur Ball oder Tischtennis spielen wollen. Gekommen ist keiner, und das tat weh. Über Inklusion wird viel geschrieben und gesprochen, getan leider noch nicht so viel, ganz besonders nicht für Kinder mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen.
Aber trotz aller Arbeit, aller Anstrengungen und aller bürokratischen Hürden haben wir viel Freude mit den Kindern. Mit ihnen zusammen zu sein ist unsere Lebensaufgabe und wir könnten uns nichts anderes vorstellen.

Frau Nitzsche, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles, alles Gute.
Kefrin Simon

„Pflegekinder sind Kinder, die spielen, kuscheln, toben und lernen möchten. Sie sind, wie alle Kinder, unterschiedliche Persönlichkeiten mit Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen. Auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen sind sie meist nicht "pflegeleicht" und müssen oft wichtige soziale und emotionale Entwicklungen nachholen. Was sie wie alle Kinder und Jugendlichen brauchen, ist jemand, der verlässlich für sie da ist und für sie sorgt. Was sie noch mehr als andere Kinder und Jugendliche benötigen, ist Zuwendung, Geborgenheit und Konsequenz.“ (Stadtverwaltung Koblenz; Amt für Jugend, Familie, Senioren und Soziales; Jugendamt; Pflegekinderdienst)
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 5. April 2018 )
 
< zurück   weiter >
Valid XHTML & CSS - Design by ah-68 - Copyright © 2007 by Firma