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"Ich bin Bauer. Wer ist mehr?" (Nr. 16) PDF Drucken
Teil zwei der Erinnerungen von Johann Übbing (93), der 1953 injohann_bbing_1 Stolzenhagen die erste LPG Typ III gründete. Im Heft 14 schilderte er bereits den Anfang der DDR-Landwirtschaft, die spätere Arbeit in der Landwirtschafmühevollen tlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) und den rasanten Aufstieg bis in die 70er Jahre auf dem Terrain der heutigen Großgemeinde Wandlitz.
Es wurden große Ställe gebaut, eine Milchviehanlage in Klosterfelde für 1.132 Milchkühe, ebenfalls ein großes Kartoffel-Lagerhaus. Es gab dort auch ein ACZ (Agro-Chemisches Zentrum). Agrarflieger säten und düngten aus der Luft.
„Die gesamte Technik- und Reparaturbasis wurde in Klosterfelde konzentriert. Die LPG Stolzenhagen/ Klosterfelde sollte ein sozialistischer Vorzeige- und Musterbetrieb werden. Ganz so, wie es auf Empfehlung des Politbüros vom Rat des Bezirks Frankfurt/Oder beschlossen worden war.“
Johann Übbing war hier LPG-Vorsitzender von 1953 bis 1967. Dann weitere 15 Jahre als Stellvertreter.
„Wir bauten Straßen für die Entlastung der F 109, Kindergärten,Wohnungen und manche Einrichtung zur Unterstützung der kommunalen Aufgaben. Wir waren ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, bewirtschafteten eine Fläche von Schönerlinde bis Groß Schönebeck. Der Haken war nur: Bei diesen Entfernungen blieb ein Großteil des Betriebsgewinns an den Rädern kleben… Dessen ungeachtet standen wir als LPG Typ III finanziell gut da mit unserer Milchviehhaltung und unserer Schweinemast mit eigener Reproduktion“.
Doch die Entwicklung drängte auf eine Großraumwirtschaft und den späteren Übergang zu industriemäßigen Produktionsmethoden in der Vieh- und Feldwirtschaft.
Dieses Konzept war verbunden mit einem neuen LPG-Vorsitzenden: Heinz Siebert, Volkskammer-Abgeordneter der Demokratischen Bauernpartei (DBD). Er wurde 1967 eingesetzt.
„Um größere Flächen zu schaffen, führte man umfangreiche Meliorationsmaßnahmen durch. Dadurch wurde das Oberflächenwasser abgezogen und der Grundwasserspiegel sank. Das alte Grabensystem wurde überpflügt. Es fielen auch die Windschutzstreifen…

Ein großer landwirtschaftlicher Betrieb

1972 waren alle Gemeinden rechts und links der F 109 bis Groß Schönebeck eine große Produktionseinheit mit 7.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche.“
Hauptziel war, die Hauptstadt Berlin mit Milch und Speisekartoffeln zu beliefern. Dazu wurden die Milchvieh- Wirtschaft auf über 3.000 Kühe ausgedehnt, die Kartoffelhäuser in Blumberg und Klosterfelde ausgebaut und die Altställe in Ruhlsdorf und Groß Schönebeck modernisiert. Die starke Konzentration auf die Milchviehhaltung hatte ihre nahen Grenzen. Die Milchleistung pro Kuh war zu gering, weil die spezielle Futtergrundlage fehlte.
Die eigene Reproduktion für die Kuhhaltung wurde abgeschafft und durch Zukauf hoch tragender Färsen abgesichert.
Die andere Säule derViehwirtschaft war die Schweinehaltung. Es wurden umfangreiche Rekonstruktionen eingeleitet für die Läufer-Produktion und Schweinemast.
„Ich bin der Ansicht, dass eine solche Betriebsform im Oderbruch, Fläming oder Kreuzbruch hätte funktionieren können. Unsere zerklüfteten Flächen auf ‚Karnickel-Sand’ waren aber dafür schlecht geeignet“.
In den 70er Jahren ging man dazu über, Tier- und Pflanzenproduktion zu trennen. Es entstanden zwei Verwaltungsapparate mit eigenen Gebäuden und Anlagen.
Die LPG (T) bestellte nun das Futter für die Tierproduktion bei der LPG (P) über Kooperationsverträge alle Futtermittel für den großenTierbestand: Zeitweilig waren das 7.000 Rinder, 6.000 Schweine und 600 Schafe.
Man glaubte an einen Spezialisierungs- und Wirtschaftlichkeitseffekt. Doch es entstanden zunächst einmal sehr hohe Anfuhrkosten.
Tier- und Pflanzenproduktion waren selbständig wirtschaftende Einheiten.
Im Kooperationsrat gab es ständig Auseinandersetzungen über Abrechnungsformen und Qualitäten…
LPG-Vorsitzender Siebert kämpfte, wurde aber 1975 abgezogen. Er war dann noch viele Jahre Bürgermeister von Schönerlinde.
Es kam 1976 Siegfried Klatt. Er war Abteilungsleiter Landwirtschaft beim Kreis Bernau, wurde als ErsterVorsitzender eingesetzt und blieb es bis 1990.
Unter seiner Führung wurden einige Betriebsteile umgestaltet, vor allem die unproduktiven reduziert. Der Milchviehbestand wurde von 3.200 auf 2.000 Kühe heruntergefahren und die eigene Reproduktion wieder gesichert.
In Groß Schönebeck entstand in den Folgejahren ein eigener Betriebsteil Tierproduktion. Man hatte wohl eingesehen, dass alles zu groß und deshalb zu wenig rentabel war.
Durch Siegfried Klatt und den Rat des Kreises Bernau wurde versucht, die LPG (T) auf normale Produktionsmöglichkeiten umzustellen, was auch geschah.

1990 – das Jahr des großen Einbruchs
Der Anschluss an den Westen wurde vorbereitet. Keine der großen Ladenketten, die nun den Markt beherrschten, nahm auch nur einen Artikel (Käse, Milch, Kartoffeln, Gemüse…) in sein Warensortiment auf. Diese „Ich bin Bauer. Wer ist mehr?“ Johann Übbing Heidekraut Journal Februar 2008 Blockade gegen die Landwirtschaft im Osten wirkte tödlich. Schlagartig waren alle Landwirtschaftsbetriebe und Nahrungsmittelfabriken pleite und die Massen-Arbeitslosigkeit landesweit programmiert.
An die LPG erging die Auflage, sich bis 31. Dezember 1991 zu landwirtschaftlichen Betrieben nach bundesdeutscher Gesetzeslage umzustrukturieren. Wird der Termin nicht gehalten, droht die Zwangsliquidierung.
Welche Möglichkeiten gab es?
a) Jedes Mitglied kann seinenAcker, seineWiesen undWeiden zurücknehmen und wieder selbst bewirtschaften oder
b) Die LPG als Agrargenossenschaft wird eine GmbH oder eine Vermögensgemeinschaft als eingetragene Genossenschaft (eG).
Am 18. Juni 1991 fand die maßgebende Versammlung in der ehemaligen Jugendhochschule Bogensee statt. Mit übergroßer Mehrheit entschieden sich die LPG-Mitglieder für die Umwandlung in die Vermögensgemeinschaft Klosterfelde eG und die landwirtschaftliche Nutzung durch private Pächter. Seit 01. Juni 2007 ist diese Gemeinschaft schuldenfrei. Alle finanziellen Altlasten wurden getilgt. Darüber freut sich Johann Übbing als früherer LPG-Vorsitzender besonders.
Klaus Flemming
Letzte Aktualisierung ( Samstag, 2. Februar 2008 )
 
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