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Schnüffelstaat (Nr. 28) PDF Drucken
Originaleinträge aus Staatsschutzakten

M.F. „Er fühlt sich wütend und fremd im eigenen Land“
F.H.
„Es kam zu Beschädigungen durch Chaoten. Teilnehmer“
A.M. „Verkaufte und verteilte Oliven und Lavendel“
S.
„Unerfreulicher Schüler und Vertreter extremer Thesen“
E.S.
„Lautsprecher zur obigen Kundgebung gebracht, welche jedoch nicht zum Einsatz kamen“

Die Einträge stammen nicht etwa aus Akten des MfS der DDR, sondern aus Staatsschutzakten der Schweizerischen Bundespolizei! Die Rede ist von den Kulturschaffenden Max Frisch (Schriftsteller), Franz Hohler (Kabarettist/Musiker), Adolf Muschg (Schriftsteller), Samir (Regisseur) und Ernst Sieber (Obdachlosen-Pfarrer), um nur einige prominente Namen zu nennen. Über Jahrzehnte genügte es in der Schweiz ein kritischer Geist zu sein, dem liberalen oder dem linken Lager anzugehören, um die Aufmerksamkeit der Schweizer Staatsschutzorgane zu erregen. Ich weiß, wovon ich rede. Anfangs der sechziger Jahre, ich war damals knapp 20-jährig, gründete ich zusammen mit vier Kollegen in der Schweiz eine Kantonal-Sektion der Jungsozialisten (die Jugendorganisation der Sozialdemokraten). Diese Tatsache genügte, um mir den Staatsschutzeintrag „nahm an einer linksextremen Versammlung teil“ einzubringen. Die Gründungsversammlung fand übrigens in einer Privatwohnung statt und bis heute weiß ich nicht, wer von meinen Kollegen der Informant war.
Die Bespitzelung von Bürgerinnen und Bürgern ohne rechtliche Grundlage hatte ungeheure Ausmaße angenommen und führte nach der Aufdeckung im Jahre 1989 (!) zu einem politischen Erdbeben in der Schweiz. Insgesamt hatte der Staatsschutz 900.000 Akten über Personen, Organisationen und Ereignisse angelegt. Dies in einem Land mit sieben Millionen Einwohnern. Bezeichnenderweise fanden sich kaum Aktendossiers von Rechtsextremen. Nebst den staatlichen Polizeiorganen observierten private Nachrichtendienste, wie die des „Subversivenjägers“ Ernst Cincera für die Staatssicherheit. Die Unterlagen wurden nicht nur dem Staatsschutz, sondern auch privaten Firmen zur Verfügung gestellt. Die Bespitzelten landeten nicht im Gefängnis, man verfügte über bedeutend subtilere Methoden, wie öffentliche Diffamierung, Ausgrenzung und Berufsverbote, um Kritiker zu sanktionieren.
Die alten Staatsschutzorgane in der Schweiz wurden 1989 aufgelöst und reorganisiert. Man wähnte nun alles im Griff zu haben und die Regierung versicherte, dass Unbescholtene nichts mehr zu befürchten hätten.
Offenbar weit gefehlt. 2008 wird bekannt, dass bereits 110.000 neue Akten angelegt worden sind. Von ihnen sind nur wenige namentlich bekannt. Zu den neuen „Spitzelopfern“ gehören der Zürcher Gemeinderat Balthasar Glättli (Grüne), die «Wochenzeitung» WOZ, die Basler SP-Großrätin Tanja Soland sowie fünf weitere Parlamentarier. Soland war verzeichnet worden, weil sie ein Gesuch für eine Demo einreichte und den Ablauf der Kundgebung vorgängig mit der Basler Polizei besprach. Im Juni 2009 sind zudem neue Akteneinträge über die Menschenrechtlerin und Ehrendoktorin der Uni Basel, Anni Lanz, bekannt geworden.
Verfolgt man die Debatten in Brandenburg, gewinnt man den Eindruck, dass die Bespitzelung von Bürgern ein Phänomen der DDR-Organe gewesen sei. Ich frage mich, weshalb die Saubermänner, die sich heute als Richter aufspielen, nicht gleichzeitig gegen jegliche Form von Schnüffelei von Staat und Privatfirmen Stellung beziehen. Glaubwürdiger wären sie allemal und Handlungsbedarf gibt es jede Menge. Mit der Begründung der Terrorabwehr und dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität werden derzeit die Bürgerrechte systematisch ausgehöhlt. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Überwachten keine Terrorverdächtigen und keine Waffenhändler, sondern gesellschaftskritische Bürger sind.
Zunehmend greifen auch Firmen zu Methoden der Überwachung ihrer Mitarbeiter. Als Beispiel sei stellvertretend die Deutsche Bahn AG genannt. In seinem neuesten Buch deckt Günter Wallraff auf, wie missliebige Mitarbeiter systematisch bespitzelt und drastischen Repressionen ausgesetzt wurden.
Die Gefahr lauert heute nicht mehr durch den Nachbarn und Arbeitskollegen, längst sind wir mittels Computer- und Telefonüberwachung zu gläsernen Bürgern geworden. Es werden ungeheure Mengen von Datensätzen gesammelt, deren Verwendung letztlich der Kontrolle entzogen ist. Niemand kann garantieren, dass sie nicht eines Tages missbraucht werden. Es geht darum, nicht nur vergangenes Unrecht aufzuarbeiten, sondern künftiges Unrecht zu verhindern! Renè Berger
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 5. Februar 2010 )
 
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