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Geschichte: Eine Straße in Wandlitz (Nr. 31) PDF Drucken
Breitscheidstraße breitscheidstr.-web
Interesse wecken Straßennamen oft dann, wenn sie über tiefe historische Einschnitte hinweg – Revolution hin, Konterrevolution her – bestehen bleiben, wie z. B. die Breitscheidstraße
im Ortsteil Wandlitz der Gemeinde Wandlitz. Wer war dieser Rudolf Breitscheid, nach dem die Straße benannt ist?
Für den, der Fakten wertungslos betrachtet, steht Rudolf Breitscheid in der Ahnengalerie brandenburgisch/preußischer Innenminister neben Jörg Schönbohm, der unlängst in den Pensionärsstand wechselte. Breitscheid wurde nach der Novemberrevolution 1918 Preußischer Innenminister in der ersten Revolutionsregierung. Die zwei Minister hätten es mit Sicherheit nicht in der gleichen Regierung ausgehalten. Das spricht für Breitscheid. Dazu später mehr.
Am 2. November 1874 wurde er als Sohn eines Buchhändlers in Köln geboren. 1894 – 1898 Studium der Nationalökonomie in München und Marburg; anschließend Promotion. Politisch tendiert er zu den Linksliberalen, 1903 Beitritt zur „Freisinnigen Vereinigung“, der sich im selben Jahr Friedrich Naumann anschließt. 1904 wird er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und ebenfalls Abgeordneter des brandenburgischen Provinziallandtages.
1908 heiratet er die Frauenrechtlerin Tony Drevermann.
Wegen der Aufgabe des linksliberalen Parteiprofils seiner Partei durch Beteiligung an dem von Reichskanzler von Bülow geführten liberal-konservativen Bülow-Block verlässt er 1908 seine Partei. Die Achse seines politischen Handelns verschiebt sich fortan aus dem rechts-/linksliberalen hin zum rechts-/linkssozialdemokratischen Spektrum, also nach links.
1912 tritt Breitscheid der SPD bei. Innerhalb der SPD artikuliert sich Kritik an der kaiserlichen Kriegspolitik unter dem Schlagwort „Burgfriedenpolitik der SPD-Führung“, der sich Breitscheid wortmächtig anschließt. In der Konsequenz verlässt er auch die SPD wieder und tritt 1917 zur inzwischen entstandenen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) über. Diese entsendet ihn als ersten nachkaiserlichen Innenminister in die brandenburgische Landesregierung. 1920 bei Reichstagswahlen für die USPD in den Reichstag gewählt, lehnt er als Angehöriger der engeren USPD-Führung eine Vereinigung mit der KPD ab. 1922 vereinigen sich die USPD und die SPD. Breitscheid wird Hauptsprecher der SPD-Reichstagsfraktion in außenpolitischen Fragen.
Im Juli 1928 werden Rudolf Breitscheid zusammen mit Otto Wels und Wilhelm Dittmann Vorsitzende der SPD-Fraktion. 1931 wird er in den Parteivorstand der SPD gewählt. Er erwog, kurzfristig ein Bündnis mit der KPD zur Abwehr der relativ erstarkten Nazipartei einzugehen, verfolgt diese Idee aber nicht lange. Was wäre geschehen, wenn...? Im März 1933 floh er in die Schweiz, im August weiter nach Frankreich. Hier leistet er unermüdliche Arbeit für die SPD-Auslandsorganisation, nimmt Verbindung zur KPD auf und beteiligt sich am von der KPD gelenkten Volksfrontausschuss, dem Heinrich Mann vorsteht. Nach dem deutschen Einmarsch 1940 in Frankreich flüchtet er zunächst im August in das unbesetzte Marseille, wird aber vom Vichy-Regime am 11. Februar 1941 mit seiner Frau an die Gestapo ausgeliefert. Nach achtjährigem Intermezzo im Ausland betritt er 1941 deutschen Boden, der für ihn und seine Frau in den KZ Sachsenhausen und Buchenwald kaum mehr Heimatboden sein konnte.
Die „offiziellen Angaben“ besagen, dass Rudolf Breitscheid „interniert“ in einer streng bewachten Baracke knapp außerhalb des eigentlichen Konzentrationslagers, bei einem Luftangriff am 24. August 1944 verstarb.
Für Freunde des „Schubladisierens“ wird man sagen können, dass die üblichen Schubladen für ihn zu klein sind. Am weitesten schlug das Pendel seines politischen Wirkens nach links aus, als er mit Heinrich Mann an der Seite der KPD gegen Krieg und Faschismus kämpfte. Für ihn persönlich kam manche seiner Einsichten zu spät.
Rudolf Breitscheid wurde bestattet auf dem Berliner Friedhof Stahnsdorf. In der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde erinnert eine Gedenkplatte im zentralen Rondell an ihn.
Und wir heutigen Teilnehmer am Straßenverkehr und Leser des Straßenschildes werden einen Moment lang nachdenklich: Einer, der zeitlebens nach dem richtigen Weg suchte.
Herbert Willner
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 5. August 2010 )
 
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