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Die Jugendhochschule - ein verborgener Ort? (Nr. 34) PDF Drucken
Vor kurzem wurde im Fernsehen ein gut einstündiger Film der Regisseurin Dora Heinze aus dem Jahre 2002 erneut ausgestrahlt. Er trug den Titel „Bogensee. Die Geschichte eines
verborgenen Ortes bei Wandlitz“. Er behandelte zwei völlig unterschiedliche Perioden: die Goebbels-Zeit und die Zeit als FDJ-Jugendschule. War das wirklich ein verborgener Ort?
 

jgdhs-webSicherlich, er lag abseits verborgen im Walde. Aber so war der Titel nicht gemeint. Er sollte Abgeschlossenheit von der Außenwelt suggerieren. Für die Goebbels-Zeit trifft das zu, nicht aber für die Zeit als FDJ-Schule. Das werden auch viele Bürgerinnen und Bürger aus Wandlitz, Klosterfelde, Prenden und Lanke bestätigen können, die dort insbesondere im Wirtschaftsbereich gearbeitet haben. Sicherlich kann sich auch manch einer noch an eine der vielen Veranstaltungen mit Berliner Künstlern im großen Saal der Jugendhochschule erinnern, die allen offen standen. Oder aber auch an seine Jugendzeit und die Jugendweihefeiern in diesem Saal – weit und breit der größte und schönste.
Dem Titel habe ich schon in einem dreistündigen Interview der Regisseurin mit mir zu Drehzeiten des Films widersprochen. Ich war von 1954 bis 1965 Lehrer im Lehrstuhl „Philosophie“ und Lehrgangsleiter für die Einjahres-Lehrgänge am Bogensee. Wir waren fast alles junge Menschen, ob Lehrer, Schüler oder Wirtschaftspersonal. Mit einer Aufbruchsstimmung in eine neue Zeit. Erst wenige Jahre nach dem verheerenden II. Weltkrieg. Und nebenbei: Hier am Bogensee – wie in der FDJ überhaupt – haben nicht wenige Ehen ihren ersten, unvergessenen Anfang gefunden.
Ich hatte im Interview das Leben an der Schule so geschildert, wie ich es sah – damals und heute. Dabei wurden auch die Probleme nicht ausgeklammert, die aus heutiger Sicht bei einer soliden Aufarbeitung der Geschichte der DDR und beider deutscher Staaten dazugehören. Aus dem dreistündigen Interview war kein „Schnipsel“ meiner Sichten im Film zu sehen. Die Regisseurin „entschuldigte“ sich in einem Telefonat mit mir dafür mit der „Problemfülle des Materials“. Der wahre Grund lag aber offensichtlich darin, dass meine Aussagen nicht in ihren Film passten. Auch eine Art von Veröffentlichungsfreiheit!
Wenn ich also heute etwas zur Jugendhochschule sagen möchte, so ist das ein gewisses Nachholebedürfnis zum genannten Film. Als Historiker möchte ich in diesem Zusammenhang zugleich in gebotener Kürze an drei diesjährige Jubiläen erinnern.

Erstens: Vor genau 65 Jahren, am 7. März 1946, wurde die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, gegründet. Bereits zwei Tage danach, am 9. März, wurde ihr durch die sowjetische Militäradministration das gesamte Bogensee-Gelände samt der alten Goebbels’schen Bauten zur Errichtung einer Jugendschule übergeben. Schon am 22. Mai begannen die ersten Lehrgänge.
Nun mag man über die FDJ richten, wie man will. Aber selbst die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte am 2. Dezember 2008 im Zweiten Deutschen Fernsehen, dass sie niemals verschwiegen habe, ein Funktionär der FDJ gewesen zu sein. Und was manch einen vielleicht noch mehr überrascht: In einem Interview sagte sie sogar neben kritischen Worten wohlwollend, dass sie bestimmte Tätigkeiten der FDJ für sehr nützlich gehalten habe. Sicherlich ist aus heutiger Sicht eine kritische Beurteilung der Geschichte der FDJ notwendig, die auch problematische Aspekte nicht auslässt, die aber mit historischer Solidität, Fairness und Unvoreingenommenheit an deren Wirken über nahezu ein halbes Jahrhundert herangeht.

Zweitens: Vor 60 Jahren, am 16. Oktober 1951, erfolgte die Grundsteinlegung zum Neubau der Jugendhochschule. Bisher hatte der Unterricht von jährlich etwa bis zu 250 Studenten in den alten Bogenseebauten und in provisorisch errichteten Baracken stattgefunden. Nunmehr entstand in einem großen weiten Karree ein imposantes Ensemble. Sich weiträumig gegenüberliegend das Lektions-/Unterrichtsgebäude mit dem Kultur-/Wirtschaftsgebäude/Mensa. Links und rechts flankiert von vier Wohngebäuden für die Studenten. Dieses Ensemble, erbaut im Stile von Prof. Henselmanns Karl-Marx-Allee in Berlin, steht unter Denkmalschutz.
Heute ist dieses Ensemble leider dem Verfall preisgegeben. Gelände und Bauten gehören der Stadt Berlin. Sie verfügt auch über deren Nutzung. Nach der Schließung der Jugendhochschule im Jahre 1990 fand sich zeitweilig ein Investor für die Gewerbeausbildung von jungen Leuten. Heute steht es im Wesentlichen leer. Als „Museum“ ist solch ein Ensemble nicht zu erhalten. Auch ein international ausgeschriebenes Angebot der Stadt Berlin brachte bisher keine Ergebnisse.

Drittens: Vor genau 50 Jahren, am 25. April 1961, wurde der erste Lehrgang für Jugendfunktionäre aus Afrika und Lateinamerika eröffnet. Lehrgangsleiter war der leider im vergangenen Jahr verstorbene Wandlitzer Bürger Egon Ehrlich. Bis zum Jahre 1990 wurden an der Jugendhochschule über 3.200 Absolventen aus 67 Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas, Nord-Süd-, West- und Osteuropas ausgebildet. In einigen Staaten Afrikas und Lateinamerikas haben diese Absolventen bis heute hohe staatliche Funktionen inne. Diese internationale Solidarität ist sicherlich einer der wesentlichsten bleibenden Werte der Geschichte der Jugendhochschule. Ich habe das konkret erlebt. Keiner kann mir einreden, dass das „verordneter Internationalismus“ war. Es scheint, dass diese Tätigkeit der Jugendhochschule außerhalb unseres Landes eine höhere Würdigung erfährt, als bei uns selbst.
Dr. Helmut Steinbach
Langjähriges Mitglied der Gemeindevertretung Wandlitz
und des Kreistages des Landkreises Barnim
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 3. Februar 2011 )
 
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