Holz-Heuschrecken am Werk (Nr. 38)
kundgebung-webRettet unsere Wälder. Geben wir ein Signal an andere Orte!
Mit Entsetzen sahen die Zühlsdorfer und deren Gäste vor Monaten scheinbar Unglaubliches: Entlang der Kreisstraße, die durch den
Ort führt und dann entlang von dichtem Wald, in dem die einzelnen Siedlungsgebiete liegen, fraßen sich große Walderntemaschinen ins Gehölz. Im Nu waren riesige Waldflächen kahl geschlagen, die Stämme geordnet gestapelt und zwei Tage später mit Spezialtransportern weggeholt. Wo bis eben noch dichter Wald war, so dicht, dass sich Hänsel und Gretel hätten verlaufen müssen – da konnte man den Himmel sehen bis zum Horizont.
Große Aufregung. Viele Gerüchte. Die Telefone des Revierförsters und des Ortsvorstehers standen kaum still. Auskunft: Es ist zwar Waldfrevel, aber es ist rechtens.
Das mache man mal einem normal denkenden Bürger klar. Gerade war bei einer öffentlichen Ortsbeiratssitzung über die Bedeutung des Tourismus, die Sogwirkung der schönen Landschaft und besonderer Anziehungspunkte engagiert diskutiert worden. „Kommen Sie aus dem Dickicht der Großstadt in die schönen grünen Randgebiete mit herrlichen Wäldern und Seen-Landschaften…!“ Und nun das.
Tatsächlich hatten einige private Waldbesitzer ihre kleinen Bestände, mit denen sie nichts anfangen konnten, über die Vermittlung ortsansässiger Immobilien-Agenten an einen Holz-Großhändler aus Solingen verkauft. So kamen im Fall Zühlsdorf bis dato ein neun Hektar großes Waldstück zusammen, das nun niedergemacht wurde. Da es sich in allen Fällen um Privatgeschäfte handelte, war es der Öffentlichkeit verborgen geblieben.
Besonders empört waren die Bürger, als sie erfuhren, dass sich alles im Rahmen der geltenden Gesetze abspielte.
Brandenburg hat von allen Bundesländern das liberalste, großzügigste, pflaumenweichste Waldgesetz. Geschäftemacher haben fast freie Hand. Wald als Landschaft? Nein; Wald als Holzlieferant. Wald als Standort von Erholung und Luftreinhaltung? Nein, Wald ausnahmslos als Wirtschaftsstandort.
Das sind zwei verschiedene Konzeptionen, nach denen auch Gesetze gemacht werden.
Das Waldgesetz vor 2004 hatte noch diverse Schutzbestimmungen (Zwang zur Wiederaufforstung, Kahlschläge nur bis 0,5 Hektar, usw.). 2004 wurde das Gesetz auf Drängen der CDU geändert. Kahlschläge bis zwei Hektar wurden erlaubt mit einer Anschluss-Ermächtigung für weitere zwei und wieder zwei Hektar, wenn ein kleiner, nicht genau im Gesetz beschriebener, Streifen Bäume stehen bleibt. Eine konkrete Wiederaufforstung ist nicht vorgeschrieben. Man setzt auf eine natürliche Bewaldung. Das heißt: Wenn nach 36 Monaten etwa 80 Prozent der Kahlschlagsfläche durch den aufstrebenden Wildwuchs beschattet werden – dann gilt das als natürliche Bewaldung. Na prima. Der Holz-Großhändler als „Holz-Heuschrecke“ kann sich freuen. Er braucht eigentlich nichts zu tun und hat den Profit aus den Holzeinschlägen gleich komplett für den Ankauf neuer Waldgebiete. Also: Man muss das Brandenburgische Waldgesetz ändern!
Diesem Zweck diente eine Protestkundgebung der Zühlsdorfer Bevölkerung Anfang August am Ort der Schandtat. Initiatoren der Aktion waren Zühlsdorfs Ortsvorsteher Klaus Flemming und der Gemeindevertreter Thomas Pump. Die Petition wurde mit 811 Unterschriften Mitte August dem Petitionsausschuss des Landtags übergeben.
Auf der Kundgebung am Ort des Kahlschlags war allen klar: Wir retten damit unseren Wald nicht, aber wir tun etwas für die Zukunft unserer schönen Waldlandschaften, für die Erhaltung der Natur anderenorts.
Die Folgen solcher großflächigen Kahlschläge dürfen nicht ausgetrocknete Stubbengebiete oder ein durch buschartigen Wildwuchs entstandener Dschungel sein, sondern ein schöner späterer Mischwald, wie ihn Förster setzen und heranziehen würden.
„Fahren Sie in die Uckermark, in das Gebiet Kyritz, Neuruppin oder nach Prenden – da können Sie sehen, wie Waldlandschaften schachbrettartig ausgeraubt sind“.
Auf den meisten Flächen hat der Holzhändler Grellmann aus Solingen sein Werk getan. Bei gestiegenen Holzpreisen lohnt sich das Geschäft. Und die Gesetzgebung in Form der Landesregierung gibt dazu stillschweigend grünes Licht.
In Bayern würde man diese „Holz-Heuschrecken“ vom Hofe jagen, in Sachsen, Meck-Pom und Brandenburg aber haben sie freie Hand.
Es gibt heute andere Mehrheitsverhältnisse im Landtag Brandenburg als 2004. SPD, DIE LINKE und ein paar grüne Abgeordnete sind eine wirksame Mehrheit, um ein Waldgesetz wieder zu ändern (zu novellieren), so dass die Schutzbestimmungen für den Wald wieder ins Gesetz geschrieben werden. Man braucht dazu nur (?) das Problembewusstsein der einzelnen Abgeordneten - und dafür müssen die Fraktionen und deren Vertreter in den Fachausschüssen für Landwirtschaft und Umwelt sorgen.
Helfen können Ihnen dabei ganz sicher viele Petitionen von Gemeinden; Verbänden und Bürgerinitiativen. Das Volk fordert seine Abgeordneten auf, den Wald vor Geschäftemachern zu schützen.
Die „heuschreckenartige“ Ausraubung der Forsten ist ein massiver Eingriff in den Lebensraum Wald. Wald ist auch Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge für die Menschen – das sollten die Landtagsabgeordneten nicht vergessen.
Klaus Flemming, Zühlsdorf
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 7. Oktober 2011 )