Friedrich II. - Der Feldherr (Nr. 43)
Siege, Niederlagen und zehntausende Tote

4316-frriedrich-ii.-2-bDer französische Denker, Publizist und Schöngeist Marquis de Mirabeau, ein Bewunderer Friedrichs II., soll dereinst gesagt haben, Preußen sei kein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Land. Das trifft ziemlich genau ins Schwarze.
Um diese Kurzcharakteristik zu illustrieren, seien einige historische Fakten benannt: In den 27 Regierungsjahren des Vaters von Friedrich, des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I (1713 bis 1740), steigerte dieser die Heeresstärke von 45.000 auf 80.000 Mann. Es begann die konsequente Ausgestaltung des preußischen Militärstaates. Der „Primat des Militärs“ bestimmte die Leitlinien der königlichen Staatspolitik. In diesen Zeitabschnitt – so wird man schlussfolgern dürfen – fiel die Geburtsstunde des preußisch-deutschen Militarismus.
Friedrich II., von dem viele zunächst erwarteten, ein Philosoph und Aufklärer besteige 1740 den preußischen Thron, führte jedoch nach halbjähriger Reformerphase den Kurs des Vaters unverändert fort. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Während jener seine Armee schonte, sie kaum einsetzte, sondern sie klug als politisches Droh- und Druckpotential in der Hinterhand behielt, führte Friedrich II. seine Truppen immer wieder höchstpersönlich in blutige Schlachten. In seiner Regierungszeit (1740 bis 1786) vergrößerte er die preußische Armee von 80.000 auf 193.000 Mann. Das war indes keine einfache lineare Steigerung. Friedrichs Truppen mussten sowohl Siege als auch katastrophale Niederlagen verkraften, die die Armee dezimierten, die zehntausende Soldaten dahinrafften, während zehntausende andere durch Verwundungen oder Desertion verloren gingen.
Während zirka eines Viertels seiner 46-jährigen Regentschaft – elf Jahre lang – führte Friedrich II. insgesamt drei Kriege.
Mit dem Einmarsch in Schlesien im Dezember 1740 – gerade sechs Monate im Amt – bricht Friedrich unter der Maxime „Macht geht vor Recht“ ohne jede Kriegserklärung den ersten Schlesischen Krieg gegen Österreich vom Zaun, der Preußen in den Besitz der Provinz Schlesien bringen soll. Im Frieden von Berlin 1742 verzichtet Österreich auf fast ganz Schlesien und die Grafschaft Glatz. Maria Theresia spricht von nun an vom „bösen Mann in Berlin“.
Den 2. Schlesischen Krieg (1744/45) führt Friedrich, um Schlesien endgültig für sich zu sichern.
1756 marschiert Friedrich in Sachsen ein und entfacht damit den 3. Schlesischen, nämlich den Siebenjährigen Krieg (1756/63) gegen die Übermacht von Sachsen, Österreich, Russland, Frankreich und Schweden. Im August 1759 erleidet Friedrich eine vernichtende Niederlage in der Schlacht von Kunersdorf. Von 48.000 Mann kommen 300 vom Schlachtfeld zurück. Friedrich hat mit seinem unkontrollierten Siegeswillen die Kräfte seines Landes total überdehnt. Er selbst wird von einer Musketenkugel niedergestreckt, kann sich aber bald wieder erheben. Die Kugel war in der Tabaksdose stecken geblieben, die in Wirklichkeit Opiumkügelchen enthielt, welche er ständig bei sich trug, um sich jederzeit selbst töten zu können.
Das eigentliche Wunder – Friedrich spricht vom „Mirakel von Brandenburg“ – bestand jedoch darin, dass die siegreichen russischen Truppen zunächst zögern, weiter auf das nunmehr schutzlose Berlin vorzurücken, und später überraschend vollends abziehen. Die russische Zarin Elisabeth war verstorben und ihr Nachfolger Zar Peter III., ein Verehrer und Bewunderer Friedrichs, schloss Frieden mit Preußen. Die anderen Alliierten, ebenfalls stark ermattet und kriegsmüde, erkannten im Frieden von Hubertusburg am 15. Februar 1763 den preußischen Besitz Schlesiens an. Preußen galt fortan – fast paradox – als Sieger des Siebenjährigen Krieges. Drei Kriege in elf Kriegsjahren, eine halbe Million Tote und ein weithin ruiniertes Land waren der reale Preis Preußens für eine rohstoffreiche Provinz und den anerkannten Status einer europäischen Großmacht. Der moralische Preis bestand darin, dass die Maxime „Macht geht vor Recht“ international etabliert wurde und fortan die Machtgelüste der Herrscher entfesselte.
Die allgemein gerühmte Kriegskunst Friedrichs als großer militärischer Taktiker und Stratege wies jedoch widersprüchliche Merkmale auf. Einerseits wird noch heute an Militärakademien mancher Staaten die „Schiefe Schlachtordnung“ der Schlacht von Leuthen im Dezember 1757 im Siebenjährigen Krieg lehrmäßig ausgewertet, in der Friedrich seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen auf einen Flügel der gegnerischen Schlachtordnung konzentrierte, diese eindrückte, sodann umfasste und schließlich von der Seite her aufrollte. Andererseits wird auf schicksalhafte Niederlagen hingewiesen, wie zum Beispiel die Schlacht von Kunersdorf. Friedrich war ein Hasardeur; er hatte kaum je einen Plan B, eine nennenswerte Reserve; er setzte – ungeduldig und gierig nach Sieg und Ruhm – oft alles auf eine Karte. So kassierte er vermeidbare Niederlagen. Seine Strategie, Siege um jeden Preis erzwingen zu wollen, machten seine Schlachten – sogar seine Siege – vielfach zu Massakern.
Hitler zog übrigens selbst Parallelen zu Friedrich. Er betrachtete sich als einen Über-Friedrich, der letztlich unbesiegbar sei. Das war politische Phantasie. Real war aber, dass sich in Hitlers „Feldherrenkunst“ – wie bei Friedrich – Elemente des Roulettespiels, des Alles oder Nichts und der Überschätzung der eigenen Kräfte finden lassen. Um objektiv zu urteilen, seien die Grenzen der Parallelen ebenfalls benannt: In der engeren Führungsgruppe der Nazis um Hitler befanden sich kaum Preußen. Hingegen begegnete man unter den Köpfen des Widerstandes vom 20. Juli 1944 ganz überwiegend Offizieren, die preußisch geprägt waren.
Fazit: Friedrich verdient nicht den Ruhm als überragender Stratege und Feldherr, wie er ihm derzeit gern im Friedrich-Jahr nachgerufen wird.
Herbert Willner
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 3. August 2012 )