Wandlitz Gemeinde der Wohlhabenden? (Nr. 59)
Wenn man die vielen schicken Einfamilienhäuser und Stadtvillen in unserer Gemeinde sieht, die teuren Autos auf dem Parkplatz, die vollen Restaurants und die zahlreichen Supermärkte, könnte man meinen, dass hier nur gutbetuchte Bürger leben. Doch ist das wirklich so? Wir haben mit einer Wandlitzerin gesprochen, die mit bescheidenen Mitteln auskommen muss und trotzdem in der Gemeinde fest verankert ist: Marion Michaelis, geboren 1957.

Der Start ins Leben begann für Marion alles andere als glücklich. Sie war das dritte von vier Kindern. Die Mutter arbeitete auf der Geflügelfarm im Dorf Wandlitz, da, wo heute gegenüber der Feuerwache das Hotel steht. Die Familie wohnte ganz in der Nähe. Der Vater lernte eine andere Frau kennen und zog 1961 nach Schwäbisch-Hall zu ihr in die BRD. Marion wuchs ohne Vater auf. Gezahlt hatte er für seine Kinder nie.
Marion war von Geburt an in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Sie lernte erst mit vier Jahren Laufen, die Schule konnte sie auch erst ein Jahr später beginnen. Wie sich viel später herausstellte, hatte sie vermutlich bei der Geburt Gehirnschäden erlitten, die ihre Motorik bis heute einschränken. Es fiel ihr folglich nicht leicht, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Schule verließ sie nach der 8. Klasse, wenigstens die hatte sie geschafft. Danach begann sie eine Lehre als Verkäuferin in Bernau. Diese musste sie nach einem Jahr abbrechen, da sie den Anforderungen nicht gerecht wurde. Danach arbeitete sie im Schichtpressstoffwerk in Bernau. Es folgte die Arbeit in einer Reha-Werkstatt, dann als Datenerfasserin in der EDV-Abteilung. Ihre gesundheitlichen Probleme ließen allerdings wenige Möglichkeiten, die Arbeiten immer zufriedenstellend zu erledigen. Mit Hilfe von Mitarbeitern ihres Betriebes konnte sie dann eine Tätigkeit als Telefonistin an der Jugendhochschule in Bogensee aufnehmen. Diese Arbeit machte ihr Spaß. Sie erhielt sogar eine Auszeichnungsreise nach Minsk und Kiew. In dieser Arbeit kam ihr eine Fähigkeit zugute, um die sie viele andere beneiden dürften. Sie kann sich ungewöhnlich viele Namen merken. So weiß sie noch heute, mit wem sie im Krankenhaus auf einem Zimmer verbrachte, wie die Ärzte und Schwestern hießen. Wenn man wissen will, wer mit wem verheiratet, geschieden oder sonst liiert ist: Marion fragen.
Als Telefonistin erhielt sie monatlich 700 Mark. Da sie in ihrem Elternhaus wohnte, hatte sie fast das ganze Geld für sich allein. Die Mutter war 1984 nach langer Krankheit gestorben. Ihr Großcousin kümmerte sich seitdem um sie.
Zur Arbeit nach Bogensee wurde sie täglich mit dem Auto oder Bus abgeholt. Das galt auch für die Rückfahrt, natürlich kostenfrei. Die Arbeit hätte sie bestimmt gerne behalten. Aber da kam die Wende, die Jugendhochschule wurde abgewickelt, und Marion mit ihr. Danach war sie arbeitslos. Immer wieder wurde sie auf Lehrgänge geschickt, ohne dass ihre spezifischen Probleme beachtet wurden. Eine Anstellung ergab sich folglich nie. Sie stellte mehrmals Rentenanträge. Erst der dritte Antrag auf volle Erwerbsminderung wurde 2009 bewilligt. Ohne Hilfe eines Anwaltes gelang das auch nicht.
Nachdem 1999 ihr Großcousin starb, hatte sie das Glück, eine Wohnung im „Vogelbusch“ in Wandlitz zu bekommen. Allein konnte sie das Haus im Dorf nicht unterhalten. In der kleinen Zweiraumwohnung mit ungefähr 47 Quadratmetern fühlt sie sich wohl.
Sie bekommt nun also Rente und eine Grundsicherung. Davon muss sie alle Kosten, wie Miete, Strom, Versicherungen, begleichen. Zum Leben bleiben etwa 200 Euro im Monat. Die gibt sie aber nicht aus, weil sie immer etwas beiseitelegen will. Sie ist froh, dass es nun auch in Wandlitz eine Ausgabestelle der Bernauer Tafel e.V. gibt. Sie will das nutzen, um mit ihrem kleinen Etat über die Runden zu kommen.
Trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nimmt Marion Michaelis aktiv am gesellschaftlichen Leben der Gemeinde teil. So engagiert sie sich im Reha-Sport, ist in der Arbeitsgemeinschaft Leben ohne Barrieren und im Bürgerverein Wandlitz e.V. Und wenn irgendwer Hilfe braucht, dann ist Marion zur Stelle.
Wir wünschen ihr, dass ihr die gesundheitlichen Probleme mit der zunehmend schlechter werdenden Sehkraft noch genügend Zeit für ein selbstbestimmtes Leben lassen.
Horst Schumann

Die Bernauer Tafel ist jeden Mittwoch von 13 bis 15 Uhr in der Thälmannstraße 104 in Wandlitz zu erreichen.
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 1. April 2015 )