Wir erklären die Welt... (Nr. 67)
... wie es uns gefällt
Nachtrag zur Ausstellung „Die Waldsiedlung Wandlitz - Landschaft der Macht“
Auf der Pressekonferenz aus Anlass der Eröffnung der Sonderausstellung im Barnim-Panorama am 12. Mai 2016 stellte ich die Frage, welche Zeitzeugen denn in Vorbereitung der Ausstellung und für das Buch „Waldsiedlung
Wandlitz“ befragt worden seien. Diese Frage schien die Autoren doch etwas überfordert zu haben. Die Antwort durch Dr. Elke Kimmel und Dr. Jürgen Danyel, den beiden Autoren des 30 Euro teuren Prachtbandes, reichten von „bewusst darauf verzichtet“ bis „viele wollen sich dazu nicht äußern, können sich nicht erinnern“ oder gar „wollen nur ihre Sicht darstellen.“ Verzeiht uns bitte, dass wir auch nach 25 Jahren einig Vaterland Eure Sicht auf die Geschichte noch immer nicht teilen. Ihr werdet das wohl auch nicht mehr ändern können.
Doch mit dieser Antwort war es nicht getan. Etliche andere Journalisten wollten dann von mir wissen, welche Kenntnisse ich zu dem Thema hätte. Ich wohnte nicht in der Waldsiedlung, aber ich hatte in Berlin Schulfreunde von dort. Und die hatte ich auch ein paar Mal besucht. Viele von ihnen wären als Zeitzeugen durchaus in Betracht gekommen, abgesehen von den Menschen, die hier in unserer Gemeinde leben und dort einmal gearbeitet hatten. Doch niemand machte sich die Mühe, sie ausfindig zu machen oder gar mit ihnen zu sprechen. Mit einer Ausnahme. Aber dazu hat Paul Bergner im HK-J Nr. 66 einen Leserbrief geschrieben.
Na gut. Dann soll man eben sein Wissen aus alten Akten und Schriften schöpfen. Warum aber Frau Kimmel in einem Interview mit dem Amtsblatt (Nr. 6/2016, Seite 17) plötzlich davon spricht, doch Zeitzeugen gehört zu haben, lässt sich nicht nachvollziehen. Meine Frage lautete „welche Zeitzeugen“. Diese Antwort blieb sie auch diesmal schuldig. Man darf also zweifeln.
Doch das ist nicht die einzige intellektuelle Glanzleistung der Frau Doktor. „Alle Sperrgebiete auf dem Gebiet des heutigen Naturparks sind für die Dauer der Sonderausstellung schraffiert. Wir verdeutlichen so die räumliche Ausdehnung der Macht“, doziert sie weiter. Schraffiert wurden z.B. das Gelände des Polizeistandortes Basdorf, der Flugplatz in Finow, etliche militärische Objekte, der Badestrand mit einem Teil der Insel auf dem Liepnitzsee. Das ist so, wie sich Klein Fritzchen die Welt erklärt. Die Macht des Politbüros beschränkte sich nicht auf den – heutigen – Naturpark. Die DDR war, auch wenn es vielleicht nicht jeder wahrhaben will, etwas größer. Und die Bereitschaftspolizei in Basdorf, um ein Beispiel zu nennen, hatte mit der Waldsiedlung höchstens die räumliche Nähe gemein, wenn man mal vom großen Ganzen absieht. Aber mit diesen Vergangenheitsverklärungen konnte man sogar Pfarrer Eppelmann, den letzten Verteidigungsminister der DDR, beeindrucken. In den paar Monaten seiner Amtsausübung konnte er wahrlich nicht alle Objekte der NVA kennen lernen.
„Ich denke, dass gerade die Fotos…entlang der Protokollstrecke, für Ortskundige spannend sind“. Oh Gott, lass Gras wachsen! Da sind wir alle fast täglich langgefahren. Spannend ist ganz sicher etwas anderes. Ein völlig normales Prozedere, nämlich die Kontrolle einer Hauptverkehrsstrecke für führende Repräsentanten, als Nachweis geheimdienstlicher Machenschaften zeugt lediglich von Ignoranz. Solche Aufgaben erfüllen auch heute noch Sicherheitskräfte in vielen Ländern. Und nicht nur ich habe schon ein paar Mal minutenlang im Stau gestanden, weil irgendwann ein Fahrzeugkonvoi die Straße kreuzte. Das war nicht nur damals so, das geschieht auch im heutigen Berlin.
Da es an wirklichen wichtigen Informationen fehlte, sei es weil sie nicht gefunden wurden, oder es sie schlicht nicht gab, wird das Wenige zu großen Ballons aufgeblasen. Allein sechs Seiten beansprucht in dem Buch das erwiesenermaßen nie erfolgte Attentat. Es war zwar nichts, aber darüber schreiben kann man ja trotzdem. Genauso stellen sich irgendwelche Belege für Einkäufe dar. Wie spannend ist es denn, den Einkaufszettel anderer Leute zu lesen? Und versuchen Sie mal, bei Frau Merkel in der Küche herumzuschnüffeln, was es gestern zu essen gab!
Nun wissen wir, dass Frau Dr. Kimmel an der TU in Berlin (West) studierte und Frau Dr. Schmid-Rathjen ihre Laufbahn an der Uni in Tübingen begann. Niemand verübelt ihnen, dass sie manches nicht wissen können, mit dem wir hier aufgewachsen sind und was wir erlebten. Aber von promovierten Historikerinnen darf man wohl erwarten, dass sie sich mit Tatsachen und Zusammenhängen gründlich befassen, bevor sie damit an die Öffentlichkeit treten. Genau das ist jedoch mit der Ausstellung und den zwei Büchern aus ihrer Feder nicht geschehen. Das ist auch der Grund, warum wir die Einbeziehung von Zeitzeugen bei der Beleuchtung eines solchen bedeutsamen Themas als unverzichtbar betrachten, während die Ausstellungsmacherinnen darauf lieber verzichteten.
Bevor nun jemand die Stimme erhebt: Wir hatten versucht, mit Frau Dr. Kimmel ebenfalls ein Interview zu führen, um so vielleicht Missverständnisse auszuräumen oder offene Fragen zu klären. Doch das lehnte sie ab. Sie sei völlig überlastet und außerdem könne man alles in der Ausstellung in Erfahrung bringen. Nun gut, das haben wir also getan.
Horst Schumann
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 3. August 2016 )