Vom „Unrechtsstaat“ zur Demokratie ohne Rechte (Nr. 73)
Ich war 30 Jahre Ausbildungsleiter in einem großen Berliner Betrieb und Sportorganisator. Die Arbeit machte mir Spaß, weil ich mit jungen Menschen arbeiten durfte und obwohl ich kein Genosse war, fand ich viel Anerkennung im Betrieb. Ich baute eine Frauenfußballmannschaft auf, die mit Turbine Potsdam unter Trainer Bernd Schröder zu den besten in der DDR zählte. Es half mir auch, dass ich zehn Jahre Leistungssportler war. Mein größter Wunsch war es seit Kindheit, ein Jugendzentrum zu errichten, wo alle Kinder und Jugendliche zusammenkommen, um friedlich ihre Probleme austauschen zu können. Ich denke immer noch an das Ende des Krieges. Ich war sechs Jahre alt, als die NAZIs meinen Vater holten und in 100 Meter von zu Hause entfernt erschossen haben, weil er nicht in den Krieg ziehen wollte.
Meine offene und ehrliche Meinung im Betrieb zählte, oft arbeitete ich in der zweiten oder dritten Schicht als Anlagenfahrer, weil Arbeitskräfte fehlten und ich Geld brauchte.
Da ergab es sich, dass eine Gaststätte mit Wohnhaus bei uns in Basdorf verkauft werden sollte. Die öffentliche Verkaufsausschreibung der HO Gaststätte „Waldfrieden" wurde durch einen Ratsbeschluss ausgehangen. Von zehn Bewerbern bekamen wir den Zuschlag und gleichzeitig erfolgte die Schlüsselübergabe, damit wir auf Grund der verbindlichen Zusage sofort mit den dringendsten Instandhaltungsarbeiten beginnen konnten.
Am 13. Juni 1990 kam es zum Vertragsabschluss. Wir sind rechtskräftige Eigentümer geworden.
Zu jeder Zeit hatten die in der Gemeinde Verantwortlichen versichert, dass es keinen Rückübertragungsanspruch gab, was sich im Nachhinein als zutreffend erwies, weil ein Antrag auf Rückübertragung erst später Ende Dezember 1992 gestellt wurde.
1992 wurde ich krank, meine Frau ließ sich scheiden, eine schlimme Zeit begann für mich.
Die Krankheit erwies sich als lebensbedrohend. Wir übertrugen dieses Objekt sicherheitshalber unserem Sohn, was sich später als falsch herausstellte, weil kommunale Objekte nicht vererbt oder verkauft werden durften.
Da werden Menschen enteignet ohne Aussicht auf Wahrnehmung ihres Rechts. Und nur, weil in den USA eine Vereinigung (Jewish Claims Conference, Redaktion) existiert, die alle Objekte angeblicher oder tatsächlicher früherer jüdischer Eigentümer einsammeln, um sie später in Gewinn umzusetzen. Sie sollen nicht den Menschen, denen Unrecht geschehen ist, zu ihrem Recht verhelfen. Sie wollen nur Gewinn erzielen. Man soll die Vergangenheit nicht vergessen, aber man soll auch nach vorne schauen und Menschen helfen, die etwas bewegen und verändern wollen.
Eine alte Ruine wurde übernommen, für viel Geld. Diese Ruine wurde zum Leben erweckt mit viel Geld und Fleiß und brachte der Kommune und dem Staat viel Geld ein.
Auch die Menschen waren begeistert und strömten in dieses Objekt. Mein Kindheitstraum, ein Jugendzentrum zu schaffen, wurde gestärkt, als ich in Stockholm (Schweden) mit der Boxstaffel von Wolfgang Behrend, unserem ersten Goldmedaillien-Gewinner der DDR, antrat. Dort besuchten wir auch ein Jugendobjekt, was einmalig in Schweden war. Als ich das gesehen habe, war mir sofort klar: So ein Objekt kommt nach Basdorf.
Ich war mit meiner Frauenfußballmannschaft viel unterwegs in Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen. In Polen entwickelte sich eine Freundschaft, die ebenfalls ein Jugendobjekt aufbauen wollte, wie ich. Ich sammelte für dieses Projekt viel Geld, das dann in Aktien verzockt wurde.
Ich habe bis heute kein Gerichtsurteil, warum man mir den „Waldfrieden“ weggenommen hat. Ich habe bis heute keinen Pfennig Geld bekommen, obwohl ich fast 80.000 Mark an den Rat der Gemeinde Wandlitz eingezahlt hatte.
Ich habe über die angekündigte Wegnahme gehofft, dass man mir beisteht und hilft. Ich war beim damaligen Amtsleiter Tiepelmann - kein Interesse. Ich habe an die Europäische Union geschrieben - keine Antwort. Ich habe an Monitor geschrieben, die hatten Interesse angekündigt, aber einen Rückzieher gemacht, als sie von einem möglichen jüdischen Eigentümer erfuhren.
So steht das Objekt an der Hauptstraße noch immer verlassen und trist da.
Jürgen Wallroth