Zühlsdorf (Nr. 75)
zuehlsdorfIn unserer Rubrik „Nachbarn“ stellen wir die an unserer Gemeinde angrenzenden Orte vor und sind diesmal zu Gast in Zühlsdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Mühlenbecker Land im Landkreis Oberhavel, der im Norden an Wandlitz und im Osten an Basdorf grenzt. Mit Basdorf und Wandlitz bildet Zühlsdorf als Kirchengemeinde auch einen eigenen Pfarrsprengel. Darüber hinaus haben wir dieselbe Telefonvorwahl, uns verbindet die Mitgliedschaft in der NWA und im Tourismusverein Naturpark Barnim e.V., die Heidekrautbahn, das Brassens-Festival und damit die Menschen, die sowieso durch keine Grenzen aufzuhalten sind und hier und dort zusammen singen, tanzen und Sport treiben. Zühlsdorf gehörte 1992 sogar kurzzeitig zum Gemeindeverbund Wandlitz. Die neuen Strukturen wurden im Zuge einer Gemeindegebietsreform im Jahr 2003 festgelegt. Davor war Zühlsdorf, den Geschichtsbüchern nach um 1335 als Czulstorff gegründet, selbstständig. Die ersten Siedler waren Mühlenarbeiter, die die von dem nahegelegenen Flüsschen Briese betriebenen Getreide- und Sägemühlen bedienten. Eine Mehlmahlmühle muehlewurde nachweislich bereits 1375 betrieben. Die wenigen Bauern die das Dorf hatte, um 1624 sollen nur vier gezählt worden sein, hatten es auf dem sandigen Boden nicht leicht und erwirtschafteten gerade das, was zum Leben mehr oder weniger reichte.
Folgender Spruch ist aus dieser Zeit überliefert:
„Willst du dich in Zühlsdorf nähren, musst du suchen Preiselbeeren. Wenn du diese nicht kannst finden, musst du lernen Besen binden.“
Unter dem Einfluss der Kurfürstin von Brandenburg, Luise Henriette von Oranien-Nassau kamen im 17. Jahrhundert zahlreiche Handwerker aus Westfalen, Holland und Friesland in das Dorf. Zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung führte das allerdings nicht. Zühlsdorf gehörte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu den ärmsten Dörfern der Mark Brandenburg.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam mit der Heidekrautbahn Leben in das verschlafene Örtchen. Die Streckenführung von Berlin nach Liebenwalde über Zühlsdorf bescherte dem Ort einen Bahnhof, und viele Wochenendausflügler, Kurzurlauber und Sommerfrischler nutzten die Möglichkeit, „janz weit draußen“ vom Alltag zu entspannen. Vor allem die Berliner bauten sich hier Wochenendhäuser, wer es sich erlauben konnte gleich ein Häuschen und blieb für immer. Auch zahlreiche Künstler zog es nach „jwd“, die hier inmitten der Natur auf neue Inspirationen hofften.
So stieg langsam aber stetig die Einwohnerzahl, die mehrere Einkaufsmöglichkeiten, Gastwirtschaften und Pensionen ermöglichte.
Heute ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Einkaufsmöglichkeiten gibt es kaum und Restaurants und Pensionen lassen sich an einer Hand abzählen. Erst mit dem Bauboom der letzten Jahre erfährt Zühlsdorf wieder einen Aufschwung. Lebten 1990 noch knapp 1.000 Menschen hier, zählt der Ort mittlerweile über 2.100 Einwohner. Das Dorf ist begehrt und beliebt, was vor allem an seiner attraktiven Lage liegt. Dass kirchedie Kinder zur Schule in die Nachbarorte gebracht werden müssen und dass von dort auch die Einkäufe geholt werden, stört offenbar nicht. Die Menschen wissen sich zu helfen und bilden Fahrgemeinschaften bzw. nutzen die Mobilitätshilfe des DRK, die einmal pro Woche jeweils Basdorf und Oranienburg ansteuert.
Zühlsdorf punktet mit seiner Abgeschiedenheit und seiner Natur. Die sieben Siedlungen liegen zwischen langgestreckten Heiden, endlosen Wiesen und den typischen Kiefernwäldern. Dieses Landschaftsbild soll auch beibehalten werden.
Vielleicht wird gerade deshalb Zühlsdorf der größte Zuwachs in der Gemeinde Mühlenbecker Land prognostiziert. Von Ursel Liekweg, Zühlsdorfs engagierter Ortsvorsteherin ist zu erfahren, dass im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum auch auf eine Verbesserung der Versorgungs- und Einkaufsmöglichkeiten gesetzt wird. Zühlsdorf ist im Umbruch. Der Ort erhält eine zentrale Abwassererschließung, Straßenbaumaßnahmen stehen auf dem Programm, die Gehwege im Ortskern werden verbessert und die Ortsmitte attraktiver gemacht. Einen schönen neuen Kinderspielplatz gibt es bereits. Die Kirche wird einen barrierefreien Zugang und einen Gemeindesaal auf dem Kirchengelände erhalten, der Radweg zwischen Wandlitz und Zühlsdorf wird fertiggestellt werden und für die Sportler sind ein neues Vereinsheim und eine kleine Multifunktionshalle, die auch für Versammlungen und Feste genutzt werden kann, geplant. Die Agenda ist voll und wer die Ortsvorsteherin kennt, kann davon ausgehen, dass diese auch nach und nach abgearbeitet wird.
Apropos Sport: Unser kleines Nachbardorf ist im Sport ganz groß. Die Sportgemeinschaft Zühlsdorf e.V. zählt 220 Mitglieder in den Abteilungen Leichtathletik, Fußball, Volleyball und Reha-Sport. Die Fußball-Herren spielen in der Kreisliga Ost OHV/BAR um den Aufstieg in die Kreisoberliga mit und sind damit deutlich erfolgreicher als manch ein Nachbardorf. Die Abteilung Kinderleichtathletik bildet mit ihren 80 Kindern sogar zusammen mit zwei anderen Vereinen einen Landesstützpunkt im Land Brandenburg.
Erwähnenswert sind auch Veranstaltungen wie das Heide- und Johannisfest, das Martins- und Osterfeuer, Kirchenkonzerte, Kinovorführungen und immer wieder wechselnde Ausstellungen regionaler Künstler, die zum Teil schon zu einer guten Tradition geworden und weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt sind.
Zühlsdorf ist auf dem besten Weg, sich vom verschlafenen Dörfchen zum ausgeschlafenen Ort zu mausern und den Spagat zwischen Natur und Infrastruktur, zwischen ländlicher Abgeschiedenheit und modernem Wohlstand zu meistern.
Kefrin Simon
Der Ortsname Zühlsdorf leitet sich von dem slawischen Personennamen Sul oder Sulich ab.
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 30. November 2017 )