Danke Wandlitz! (Nr. 85)
Wie ein Flüchtling aus Syrien in unserer Gemeinde aufgenommen wurde
Ich bin 26 Jahre alt und stamme aus Aleppo in Syrien. Nach der Bombardierung meines Elternhauses 2013 bin ich in die Türkei geflüchtet und habe dort zwei Jahre lang 12 Stunden täglich an sechs Arbeitstagen in der Woche für umgerechnet 300 Euro im Monat in einer Lederfabrik gearbeitet, um mir das Geld für die Flucht nach Europa anzusparen. Nachdem unser Boot kurz vor der griechischen Insel Kos beinahe gesunken wäre, wurden wir damals noch von der griechischen
Küstenwache gerettet. Heute, sechs Jahre später, wäre ich wahrscheinlich ertrunken und läge am Grunde des Mittelmeers. walid-habash-web
Als ich mit Hilfe der von Mafiabanden beherrschten ungarischen Schleuser nach Deutschland kam und mich in Hamburg um Asyl bewarb, landete ich nach diversen Zwischenstationen in der brandenburgischen Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt. Als man mir sagte, dass ich einen Platz in einer Flüchtlingsunterkunft in Wandlitz bekäme, kannte ich weder den Namen noch den Ort, der dahinter steckte, merkte aber an der Reaktion von anderen Asylbewerbern, das ich offenbar die Glückskarte gezogen hatte. Seit dem September 2015 wohnte ich dann in der neu eingerichteten Basdorfer Flüchtlingsunterkunft an der Prenzlauer Straße.
Wandlitz wurde zu meiner neuen Heimat. Inzwischen lebe ich in Berlin und bin stolz, eine Ausbildung als Mediengestalter Bild und Ton bei einer führenden Video Produktionsfirma begonnen zu haben.
Aber das alles hätte ich nie erreichen können, ohne die Unterstützung, Hilfe und Begleitung so vieler wunderbarer Menschen aus Wandlitz!
Es begann damit, dass wir lange bevor der amtliche „Integrationskurs" begann, vom Runden Tisch regelmäßig Deutschunterricht bekamen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich das erste Mal in meinem Leben ein evangelisches Gemeindehaus betreten habe, weil dort der frisch gegründete Runde Tisch „Willkommen in Basdorf“ tagte und uns in allen Fragen großzügig und voller Respekt unterstützte. Als Mathis Oberhof für sein Buch über die Wandlitzer Integration ein Interview mit mir und einem anderen syrischen Flüchtling machte, war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die mir mit ihm und seiner Frau ein zweites Mal in meinem Leben liebevolle Eltern schenkte. Wie überrascht war ich, als ich anlässlich des Adventsmarktes in Basdorf Dezember 2015 Marion Schuster vom „Verein der Freunde von George Brassens“ kennenlernte, und mir der Verein ein Stipendium für einen kostenlosen Gitarrenlehrgang bei dem begnadeten Gitarristen Lutz Keller schenkte. Wenige Monate später bekam ich vom „singenden Ortsvorsteher" Peter Liebehenschel eine tolle Gitarre geschenkt, die mich seitdem bei allen Auftritten begleitet, die ich vor allem auch durch Unterstützung meiner Wandlitzer Freundinnen und Freunde seit dieser Zeit hatte.
In der Kantorei Wandlitz habe ich zwar nur wenige Monate mitgesungen, weil mir schließlich die komplizierte Musik von Bach oder Mendelssohn zu schwierig wurde, und dennoch habe ich in diesen Wochen nicht nur auch dort viele wunderbare und hilfsbereite Menschen kennengelernt, sondern mir wurde auch die Tür zur europäischen Musik aufgestoßen, sodass ich heute bei meinen Auftritten nicht nur kurdische und arabische, sondern zum Beispiel auch Lieder von George Brassens oder Leonard Cohen singe.
Die darauf folgenden zwei Jahre bestanden im Wesentlichen für mich darin Deutsch zu lernen, Deutsch zu lernen, Deutsch zu lernen. Was für eine verdammt schwere Sprache und so ganz anders als das Arabische. Dass ich von Wandlitzer Bürgern im Laufe dieser Zeit sowohl ein Notebook wie auch einen Drucker geschenkt bekam, hat mir das computergestützte Lernen erheblich erleichtert.
Als ich (damals ging das noch sehr schnell) meine Anerkennung des Asyls bekam, stand die nächste Hürde vor mir: eine Wohnung zu suchen, die in den engen Preis-Grenzen des Jobcenters bezahlbar war. Überglücklich nahm ich das Angebot von Mathis an und baute mit ihm zusammen das ehemalige Gästezimmer zu einer abgeschlossenen Einliegerwohnung um. Ich werde nie vergessen, wie ich bei dem stundenlangen Zusammenbau neu erworbener Ikea-Möbel den Unterschied zwischen syrischer und deutscher Handarbeit kennenlernte: wo wir Syrer eine Schätzung „über den Daumen“ machen, da kommen die Deutschen mit Wasserwaage und Zentimetermaß und rechnen alles fünfmal nach. Was aber dazu führte, dass diese Möbel dann nie zusammenkrachten und ich wirklich stolzer Mieter einer eigenen schönen Wohnung wurde.
So vieles war für mich neu.
Von Anfang an liebte ich die Wälder und Seen um Wandlitz herum. Aber dass ich am Liepnitzsee erstmals in meinem Leben Frauen mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit beim Sonnenbaden liegen sah und Männer, die Männer und Frauen, die Frauen küssten, das war am Anfang ein ganz schöner Schock. Und heute weiß ich, dass das auch dazugehört, was ich so sehr genieße: die Freiheit in einem demokratischen Land.
walid-nach-der-ersten-spracchprfung-webAls wir unsere Veranstaltungen auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin vorbereiteten, lernte ich über meine Sprachlehrerin Ittai Rosenbaum kennen. Sein Großvater kommt genauso wie die Mutter von Mathis aus der Stadt Königsberg und sein Opa musste 1933 vor den Nazis nach Israel flüchten. Sein Enkel Ittai dagegen fühlt sich heute in Berlin wohler als in Israel. Er war der erste Jude in meinem Leben, den ich persönlich kennenlernte und es ist eine schöne Freundschaft entstanden. Dass der Protestant Mathis, der Israeli Ittai und ich als gläubiger Muslim gemeinsam auf Veranstaltungen auftraten, hat viele Menschen bewegt und mich sehr glücklich gemacht.
Als ich den letzten Deutschkurs mit Erfolg abgeschlossen hatte, stand die nächste große Hürde vor mir: welchen Beruf kann und will ich ausüben? Peter Liebehenschel war sofort bereit, mir einen Job als Hilfsarbeiter in seinem Metallbetrieb anzubieten. Nach meiner ersten Gehaltsabrechnung bemerkte Mathis freudig: „Jetzt trägst du dazu bei, dass ich regelmäßig meine Rente beziehen kann!“ Ich wollte einfach nicht länger von Geschenken des Jobcenters leben, merkte aber, dass langfristig meine Interessen woanders liegen. Mithilfe einer pensionierten Mitarbeiterin des RBB aus Wandlitz bekam ich die Möglichkeit zu einem Praktikum bei der Video Produktionsfirma, bei der ich am 1. September letzten Jahres meine Ausbildung begonnen habe.
An allen Wendepunkten dieser aufregenden vier Jahre standen Wandlitzer Bürger, die mich mit offenen Armen empfangen, meine vielen Fragen geduldig beantwortet und mich immer wieder hilfsbereit unterstützt haben.
Natürlich habe ich auch die andere Seite in Deutschland erlebt: rassistische Anfeindungen, die Gleichsetzung aller Syrer mit Terroristen, und die vielsagenden Blicke in der S-Bahn, ob sich hinter meinem Parka vielleicht ein Sprengstoffgürtel versteckt und ich den nächsten IS-Anschlag vorbereite. Warum begreifen so viele Menschen nicht, dass die Kurden und die ganze arabische Welt die größten Opfer der islamistischen Terroristen sind?
Aber dass das eben die Minderheit in Deutschland ist, die Mehrheit aber offen und tolerant und sehr viele mit äußerster Hilfsbereitschaft uns Geflüchteten entgegentreten, das werde ich euch nie vergessen, liebe Wandlitzerinnen und Wandlitzer!
Auf Arabisch sagen wir: Schukran! Das heißt auf Deutsch: DANKE!
Walid Habash
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 6. August 2019 )