Recht zu machen jedermann eine Kunst, die keiner kann! (Nr. 85)
Über Anspruch und Wirklichkeit einer bürgerfreundlichen Verwaltung
„Leider müssen wir jetzt feststellen, dass aus der versprochenen Bürgerfreundlichkeit der Bürgermeisterin wenig geworden ist“, wird Kandidatin Gabriele Bohnebuck in einem Beitrag der MOZ am 13. Juni 2019 zitiert, die zur kommenden Bürgermeisterwahl die amtierende Bürgermeisterin Dr. Jana Radant
herausfordert und somit tadelt. Aber wissen Sie was? Auch ich fühle mich ganz persönlich angegriffen.
Seit sechzehn Jahren arbeite ich in der Gemeindeverwaltung Wandlitz. Ich tue das noch immer sehr gern, mit viel Enthusiasmus, Freude und dem ausgeprägten Willen, allen Menschen dabei freundlich zu begegnen und mit ihnen zusammen Lösungen zu erarbeiten, die rechtskonform und dennoch zufriedenstellend für alle Beteiligten sind. Wird also einer Bürgermeisterin fehlende Bürgerfreundlichkeit vorgeworfen, muss dies konsequenterweise auch für die Verwaltung, also jeden einzelnen Verwaltungsmitarbeiter, gelten.
Bürgerfreundlich? Laut Wikipedia wird als bürgernah eine Verwaltung bezeichnet, „die sich an den Bedürfnissen und Problemen der Bürger orientiert und auf deren Interessen eingeht.“ Klingt einfach, oder?
Schauen wir auf ein paar Beispiele unserer täglichen Arbeit:

Ein Bürger, nennen wir ihn Herrn A., kauft sich ein wunderschönes Grundstück, bewachsen mit vielen Bäumen, herrlich grün… Nun möchte er aber seine Stadtvilla hier errichten, die Bäume müssen weg! Er beantragt die Fällung von zehn Kiefern, fünf Eichen und drei Buchen. Eine Fällgenehmigung erhält er allerdings nur für fünf Kiefern mit dem Hinweis, er möge doch sein Bauvorhaben so planen, dass alle anderen Bäume erhalten bleiben. Herr A. ist stinksauer, brauchen doch Stadtvilla, Doppelgarage und Pool viel Platz.
Eine bürgerunfreundliche Entscheidung?

Herr X. ärgert sich jeden Morgen darüber, dass er seinen größten Schatz, einen glänzend schwarzen Mercedes SL Coupé, durch die Schlaglöcher der unbefestigten Straße jagen muss, vom täglichen Kampf gegen den Staub ganz zu schweigen. Er gründet mit einigen Nachbarn eine Bürgerinitiative und fordert von der Gemeindeverwaltung den Straßenausbau. In der folgenden Bürgerversammlung entscheidet sich die Mehrheit der Anlieger jedoch gegen den Ausbau, sie lieben ihre kleine staubige Straße. Die wird also nicht zur Asphaltpiste ausgebaut und Herr X. ist, na klar, stinksauer.
Bürgerunfreundlich?

Herr P. ist gerade ein wenig knapp bei Kasse, da wedelt ihm doch schon wieder eine Mahnung der Gemeindeverwaltung ins Haus. Er soll Grundsteuern zahlen, dabei gibt es doch wirklich Wichtigeres. Das sagt er „denen in der Verwaltung“ auch sehr deutlich und leider in nicht so ganz freundlichen Worten. Weil aber die Verwaltung der Meinung ist (und das zufälligerweise auch so im Gesetz steht), dass die Grundsteuer bezahlt werden MUSS, jagt sie Herrn P. nun auch noch ihre Vollstreckungsmitarbeiter auf den Hals. Sie werden es sich denken können, Herr P. ist stinksauer.
Bürgerunfreundlich?

Mir fallen noch Dutzende solcher Beispiele ein. Bei allen Entscheidungen wird es immer jemanden geben, der „stinksauer“ ist. In der Gemeindeverwaltung Wandlitz sind die allermeisten Mitarbeiter sehr freundliche, höfliche, fleißige, denkende, gut ausgebildete, humorvolle Menschen. Natürlich haben auch sie mal einen schlechten Tag, vielleicht kriselt die Ehe gerade oder sie denken an das kranke Kind zu Haus. Natürlich machen auch Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Fehler, es sind ja in erster Linie keine unfehlbaren Verwaltungsangestellten, sondern immer noch Menschen. Dummerweise müssen sie dann bei ihrer täglichen Arbeit auch noch unzählige Gesetze, Verordnungen, Durchführungsbestimmungen, Satzungen usw. beachten. Zu guter Letzt sollen dann auch noch alle Wünsche aller Bürger erfüllt werden. Über die Wünsche der politischen Gremien, der Gemeindevertreter, Ortsbeiräte, Ausschüsse reden wir hier noch gar nicht.
Bei alledem kann ich aus meiner persönlichen Arbeit bilanzieren, dass ich in den zurückliegenden Jahren viele Diskussionen führte. Nicht immer gingen die Bürger zufrieden lächelnd nach Haus. Aber noch nie, wirklich noch nie, kritisierte meine Entscheidung jemand als „bürgerunfreundlich“. Würden Sie eine Bilanz fordern, kann ich guten Gewissens sagen, dass ich das Wort „Danke“ glücklicherweise sehr oft höre, selbst dann, wenn ich nicht jeden Bürgerwunsch erfüllen kann.
Was ich mir – auch im Wahlkampf – wünsche, ist Zurückhaltung bei der Pauschalisierung der Arbeit von Bürgermeisterin und den Mitarbeitern der Gemeindeverwaltung. Hinterfragen Sie die Dinge, lassen Sie pauschale Aussagen nicht zu, kommen Sie mit uns ins Gespräch. Glauben Sie nicht ungefragt grellen Schlagzeilen, Parolen und „Wahrheiten“, populistischen Äußerungen und „schlauen“ Kommentaren in diversen sozialen Medien.
Betrachten Sie die Dinge auch mal von der anderen Seite, von weitem sieht nämlich auch Salz aus wie Zucker…
Anja Rohland